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Dumm 3.0 - Schöne neue Welt?!

Hier­zu­lande wird die De­batte über die Folgen des In­ter­nets ver­bissen geführt. Wie die Dis­kus­sionen über Frank Schirr­ma­chers "Pay­back" jüngst er­wiesen, scheinen die Dämme, die die Be­sitz­stands­wahrer des klas­si­schen Jour­na­lismus ei­ner­seits und die Blo­gosphäre an­de­rer­seits auf­geschüttet haben, in­zwi­schen unüber­windbar. Was man für eine Mei­nungs­ver­schie­den­heit zwi­schen Di­gital Im­mi­grants und Di­gital Na­tives halten mag, wächst sich in­zwi­schen zu einem Kampf der Kul­turen aus: In­ternet: Segen oder Fluch? – Dass die Wahr­heit in der Mitte liegt, be­legt das neue Buch von Markus Reiter, das mit "Dumm 3.0" einen Titel trägt, den man als ge­zielte At­tacke gegen die In­ternet-Avant­garde missver­stehen mag. 


 Reiter, der sich zur di­gi­talen Me­di­en­re­vo­lu­tion und ihren Fort­schritten be­kennt, ver­teu­felt das In­ternet nicht! Er bemüht sich um einen Aus­gleich der geg­ne­ri­schen Lager, wofür er die Po­si­tionen der In­ternet-En­thu­siasten und die tech­nik­feind­li­chen, rückwärts­ge­wandten Ar­gu­mente ihrer Gegner aus­ein­an­der­nimmt. So­wohl die In­ter­views – etwa mit den Blog­gern Markus Becke­dahl und Marvin Op­pong oder mit Jan-Eric Pe­ters von der Welt-Gruppe –, aber auch die Dar­le­gungen zur In­ternet-De­batte im ver­gan­genen Jahr zeigen, dass die Fronten verhärtet sind, ob­schon sich die Kon­tra­henten in man­chen Punkten durchaus einig sind. – Die Frage liegt auf der Hand: Warum ziehen Old-Media-Ver­treter und die di­gi­tale Avant­garde nicht an einem Strang? Zu Recht mahnt Reiter an, dass das In­ternet nicht der Sieg des Pro­jekts Aufklärung, son­dern eine neue Her­aus­for­de­rung für die Aufklärung ist. Die egalitäre Ge­sell­schaft, die Netza­po­lo­geten gerne herauf­be­schwören, hält er für eine Il­lu­sion. Er be­klagt die Ero­sion des Ur­he­ber­rechts und das Aus­sterben des Qualitäts­jour­na­lismus, für den er lei­den­schaft­lich eine Bre­sche schlägt.

Nicht von der Hand weisen lässt sich, dass sich die öffent­li­chen Dis­kurse verändern und die ge­sell­schaft­liche Spal­tung vor­an­ge­trieben wird: In eine In­for­ma­ti­ons­e­lite, die sich Zu­gang zu kos­ten­pflich­tigen (!) Qualitäts­in­for­ma­tionen leisten kann, und einen dummen Rest, der sich mit Mas­sen­ware, Mar­ke­ting­bot­schaften oder lässig aufbe­rei­tetem User-Ge­ne­rated Con­tent zu­frieden gibt.Dass ei­nige Thesen brüskieren, ist Kalkül. Die Rolle der Kas­sandra mimt Reiter be­wusst, um über­grei­fende Dis­kus­sionen an­zustoßen. Auf­ge­rufen dazu sind alle Par­teien, nicht zu­letzt die Po­litik, die der Kom­plexität der di­gi­talen Welt bis­lang keine an­ge­mes­senen Kon­zepte ent­ge­gen­zu­setzen weiß. An­ders als Schirr­ma­cher, der in "Pay­back" die di­gi­tale De­batte zwar ab­bildet, aber kaum wei­ter­bringt, for­mu­liert Reiter kon­krete Lösungs­wege. So for­dert er u.a. eine Um­kehr der Bil­dungs­po­litik, die die junge Gener­ation unzuläng­lich auf die Zu­kunft nach der dritten Me­di­en­re­vo­lu­tion vor­be­reitet. Beipflichten muss man ihm auch, dass die jour­na­lis­ti­sche Sorg­falts­pflicht und die Tu­genden des Qualitäts­jour­na­lismus im In­ternet Gel­tung haben müssen.

Markus Reiter: Dumm 3.0 - Wie Twitter, Blogs und Net­works un­sere Kultur be­drohen, Güters­loher Ver­lags­haus

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  • Danke für den Tipp, Tiniaden. Nie von diesem Autor...
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