lesenleben.de

  • Schrift vergrößern
  • Standard-Schriftgröße
  • Schriftgröße verkleinern

Über den Giersch

Nie­mand den ich kenne, der auf den Giersch an­ge­spro­chen ist, findet gute Worte über ihn. Ge­meinhin gilt er als eine Plage und selbst wenn man seinen Namen zum ersten Male ge­nannt be­kommt, wie ich heute von meiner Nach­barin, steht das Ur­teil a priori fest. Sollte mir je­mals der Giersch un­ter­kommen, malte ich mir aus, dann wäre das wie ein Fluch in einem Tol­kien­schen Wald, rupfen und reißen würden nicht genügen, graben und wenden, Meter für Meter - viel­leicht.

Dass die Pflanze mit dem la­tei­ni­schen Namen Ae­go­po­dium pod­agraria, be­reits in einer hin­teren Strecke des Gar­tens sich schlängelte, exakt nämlich an jenem Zaun ent­lang, über den ich all die guten War­nungen mit auf den Weg be­kommen hatte, hatte ich nicht be­merkt oder verdrängt. Dass ich eines der hartnäckigsten aller so­ge­nannten Unkräuter noch nicht wahr­nahm, oder gar er­kannte, liegt daran, dass es zunächst durchaus sym­pa­thisch er­scheint, womit das Übel auch schon an­ge­deutet wäre.

Auch schien mir sein Wuchs äußer­lich von un­be­droh­li­cher Art, ein oder zwei Hand­spannen hoch richtet er sich auf und tut dies sogar, ich sage es un­gern, auch noch auf eine an­spre­chende, fi­li­gran zu nen­nende Art. Kurz, ich lud es un­re­flek­tiert und un­be­ab­sich­tigt auch noch ein, doch herüber­zu­wachsen, und schlug, wie um meine Ab­sichten zu un­ter­strei­chen, mit dem Messer des Ra­senmähers einen Bogen um ihn herum, denn aus einem un­be­stimmten Grund heraus hatte der Giersch ein ein­neh­mendes Wesen.

Es kam, wie es kommen mußte. Nach ei­niger Zeit nahm der Giersch meine Ein­la­dungen an. Er setzte dazu gleichsam ein Lächeln auf, spannte seine Blüten zu kleinen Schirmen auf und ver­streute sich über den Wind. Nun konnte jeder Frosch sich aus­malen, käme es zu einem Ringen und Messen, würde sich schon zeigen, was eine Harke ist.

Man sollte wissen, so las ich mir an, dass der Giersch mit al­ler­hand Tricks aus­ge­stattet ist, wovon die Schwäger­schaft zu an­deren Pflanzen nur einer von vielen ist. Seiner Ähn­lich­keit mit dem Ho­lunder wegen, ver­mutet man eher Wohl­taten udn denkt an Ho­lun­der­sekt. Bloss der schieren Ähn­lich­keit wegen wird er auch Erd­holler ge­nannt, was, ehr­lich ge­sagt, nun einmal so holprig klingt wie eine alte Fahr­rad­t­a­sche an einem Draht­esel, und da ich einen echten präch­tigen Ho­lunder täglich vor Augen habe, auch kei­nes­falls nach­emp­finden konnte. Aber wer einmal be­gonnen hat im In­ternet zu re­cher­chieren, für den gibt es kein Aufhören. Tref­fender im Ver­gleich er­schien mir schon bald der Geißfuß seiner zwei­spal­tigen Blätter wegen, doch haftet diesem Bezug un­willkürlich etwas Kräuter­he­xen­ar­tiges an.

So ging es eine ganze Weile hin und her. So­bald ich je­doch damit be­gonnen hatte, einen Schat­ten­platz ein­zu­richten, schwante mir nichts Gutes. Ich ver­mochte zwi­schen Giersch und Ane­monen schon bald nicht mehr genau zu un­ter­scheiden und be­ab­sich­tigte zu lichten.

Jetzt zeigte sich, dass der Giersch störrisch wie eine Land­ziege ist. Reißt man ihn aus, wächst er eben nach. Seine ein­fachste Übung. Ent­zieht man ihm das Wasser, dann stoppt er ein­fach das Wachstum in einer Art me­di­ta­tiver Ver­schränkung - bis es wieder regnet. Lo­ckert man die Erde auf und wendet sie um, so wei man es mir emp­fohlen hatte, hat man sich ge­wiss die Schuhe ver­saut, doch es dauert nur eine Weile und er schlängelt sich wieder nach oben. Wirft man ihn auf den Kom­post und sagt ihm le­be­wohl, springt der Samen wieder heraus.

Dass er sich in ganz Eu­ropa ver­breitet hat, konnte ich mir gut vor­stellen. Dazu ver­half auch der Um­stand, dass der Giersch lange Zeit als Heil­pflanze und Nah­rungs­mittel ver­wendet wurde. In Klos­tergärten war er zu finden ge­wesen und heute neu­er­dings in Ökoküchen. Aber was half´s? Seine Stra­tegie ist leider kaltblütig und zwei­schneidig wie ein Küchen­messer: Glo­bale Flug­ver­brei­tung, lo­kale Ko­lo­ni­en­bil­dung. Es war so­weit ge­kommen und ich hatte zum Stahl ge­griffen. Ich war bei Sinnen. Mit ei­nigen Spa­ten­sti­chen fand ich unter der Erde ein weißes Ge­flecht von iri­sie­rend hell leuch­tender In­tensität, keine dun­kel­braunen Wur­zeln wie er­wartet, son­dern ein in phos­pho­ri­sierndem Weiß in Saft und Kraft ste­hendes Ge­flecht, ein ak­tives Rhizom. Einen Au­gen­blick stand ich da wie im El­ben­wald und ver­stand mit einmal, warum in blogs kleine Schreie zu hören sind ...

Beste Grüße

[ P.S. Re­zep­turen: Den über­lie­ferten, zahl­losen Re­zepten aus Klos­tergärten brachte ich zu­erst keinen rechten Ap­petit ent­gegen und habe daher einen er­fri­schenden Saft aus­ge­sucht, der wenig Umstände macht. Hierfür benötigt man eine große Glas­ka­raffe, ein Dut­zend fri­scher Gierschblätter und einen Stil Pfef­fer­minze für das Aroma. Die Blätter werden an­ge­schnitten und mit der Minze zu einem Bund ge­bunden. Wenn die Ka­raffe mit der Schorle aufgefüllt ist, noch eine halbe Li­mette darüber träufeln, fertig!]

Mi­chael von Seyd­litz

ge­crus­htes eis
 

Kommentare

  • Der hat im Herbst 2008 als Debütant in Deutschland...
  • Danke für den Tipp, Tiniaden. Nie von diesem Autor...
  • Joachim Kaiser nannte die Haskil, die ab ihrer Pub...

Über uns

Willkommen auf Lesenleben! Assoziiert mit Prittwitz & Partner wollen wir hier Betrachtungen und Empfehlungen rund um die (Bücher-) Welt anregen. Wir freuen uns auf Beiträge und Kommentare.

      LLklein

 powered by  2010