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Die Schlacht um Unterfriedrichshain

Wohin eine un­ge­liebte Ver­wal­tungs­re­form führen kann, ist in Berlin gut zu be­ob­achten. Die Be­wohner von Kreuz­berg und Fried­richs­hain sind ja für ihren Ei­gen­sinn be­kannt, mögli­cher­weise die Kreuz­berger etwas mehr - doch der Reihe nach.

Das Ver­bin­dende zwi­schen den beiden Stadt­teilen Kreuz­berg und Fried­richs­hain ist die Ober­baumbrücke. Ne­benan Spei­cher und Ha­fena­real. Hier schlug der Mu­sik­kon­zern Uni­versal sein Quar­tier auf, die O2 World ihre Me­ga­halle und re­si­diert die Mo­de­welt am Hafen. Seitdem ist es hip, hier her­um­zu­laufen. Heute ist die Brücke, re­stau­riert von Sta­rar­chi­tekt San­tiago Ca­la­travas, ein repräsen­ta­tiver Via­dukt mit weithin sicht­baren Ziegel-Türmen, Fußgängergewölben, kon­zi­piert für Straßen­bahnen, Autos und Hoch­bahn. Dar­unter die Was­ser­straße der Spree mit Aus­flugs­damp­fern, Was­ser­taxis und Lastkähnen.

Hätte es nicht die Idee des Se­nats ge­geben, Kosten ein­zu­sparen und Be­zirke im Dop­pel­pack zu­sam­men­zu­legen, wären die Stadt­teile wohl wei­terhin ge­trennt. Die Idee schien im Grunde ja vernünftig, das arme Berlin leis­tete sich im­merhin 23 Bürger­meister, doch mit dem neuen Zun­gen­bre­cher Kreuz­berg-Fried­richs­hain hatte man einen wi­der­spens­tigen Geist ins Leben ge­rufen, der sich nicht wieder ein­fangen ließ.

Ge­stritten wurde auf Kreuz­berger Art. Nein, nicht so, son­dern zu­erst in Gre­mien. Für ein neu zu ge­stal­tendes Ge­mein­schafts-Wappen hätte jeder auf etwas ver­zichten müssen, Kreuz­berg auf seinen Berg, die Halb­insel Stralau auf ihren Karpfen - und Fried­richs­hain? Be­stand auf seiner Brücke, deren Zie­geltürme ein hübsches Stadttor bilden. Die ge­fun­dene Lösung ist ei­gent­lich ganz hübsch, aber ein Pro­vi­so­rium. Je­den­falls zeigten sich die Par­teien dies un­versöhn­lich in einem Spek­takel, der Gemüse- oder Was­ser­schlacht im Sommer 2008. Ein be­zirks­his­to­ri­sches Datum und viel­fach ge­filmt auf You­Tube.

Ursprüng­lich war die Ober­baumbrücke eine Zollbrücke ge­wesen, die nachts mit einem na­gel­be­spickten Schlag­baum ge­schlossen wurde. Der Ober­baum zeigte in Rich­tung Osten. Hier spielt sich heute die Zu­kunft ab. Der Un­ter­baum da­gegen ist der Westen.

(No­tizen) Mit mas­sivem Auf­gebot stand die Po­lizei in Be­reit­schaft an der Ober­baumbrücke, auf der Straße, zu Wasser, und filmte das Spek­takel ähn­lich in­ter­es­siert wie die Tou­risten. Matsch, Glibber, wohin man sah. Die Kom­bat­tanten hielten Schaum­gum­mi­keulen und Was­ser­ba­zookas um­klam­mert und ver­tei­digten ihr Ter­rain mit grim­migem Ge­sicht bei glühender Sonne zen­ti­me­ter­weise. Als Wurf­ge­schoss diente so ziem­lich alles, was die Küche her­gibt, Gurken, To­maten und Eier so­wieso. Es ist nur na­he­lie­gend, wer den Fruchthof als Sponsor ver­muten möchte. Dass ich mein Auto in Si­cher­heit ge­bracht hatte, er­wies sich als prop­gan­dis­ti­sche Fehl­in­for­ma­tion, besser hätte ich auf meine weißen Hosen achten sollen. Zwar meinten Spötter, al­lein die Farbe des Spree­was­sers sei so furch­ter­re­gend, dass es jedem Gegner die Sicht hätte rauben sollen. Doch zu sol­cher Art von Be­trach­tungen blieb bei so viel Körper­ein­satz real kaum Zeit. Wa­bernde Wurf­ge­schosse aus Frisch-Gemüse kreuzten Was­ser­beutel von der Damp­fer­an­leg­stelle, Glit­schiges und Glib­be­riges flog, sauste und schwirrte in alle Rich­tungen. Am Spreeufer, un­ter­halb der Ober­baumbrücke wurde der Nach­schub an Was­ser­bomben aufgefüllt und in einer ge­heim­nis­voll un­zu­sam­menhängenden Kette hoch­ge­reicht.

Hoch oben am blau auf­leuch­tenden Himmel zer­pufften Wolken aus Küchen­mehl. Stromabwärts spielte Reggae Musik in einer Strandbar vor einem Strand ohne Pu­blikum. Ir­gendwer rief : „Nie wieder Fried­richs­hain!“ Und so­fort ant­wor­teten hun­dert Stimmen: „Nie wieder Kreuz­berg, Kreuz­berg.“

Film­bei­trag 'The Great Border Battle'

Trailer: The Great Border Battle - "Ein Kurz­film, der von einem Er­eignis be­richtet, das so nur in Berlin statt­finden konnte, nicht al­lein gag-ori­en­tiert, wirk­lich­keitsnah und kein biss­chen prätentiös." Ber­li­nale Ta­lent Campus

Kri­ti­scher Essay zur Gen­trif­zie­rungs-De­batte von Jens Bisky auf jetzt.de: " Ewig­keits­ga­rantie für Ex­pe­ri­mente "

De­fi­nier­li­ches: Gen­tri­fi­zie­rung (von engl. Gentry : nie­derer Adel) und engl. Gen­tri­fi­ca­tion (Auf­wer­tung). Be­kannte Bei­spiele für die "Gen­tri­fi­zie­rung" sind in New York (Soho) und London (Not­ting Hill). Un­ter­su­chungen zur Gen­tri­fi­zie­rung ge­langten zu der Er­kennntnis: Eine sta­bile und aus­ge­wo­gene So­zi­al­struktur und die Identität eines Wohn­ge­bietes können wich­tiger sein kann als der Markt­wert ihrer Im­mo­bilie. An­de­rer­seits bemühen sich nam­hafte Ar­chi­tekten um eine zeitgemäße "Stadt­er­neue­rung" wie 2010 Renzo Piano in London (West End). Berlin, dessen In­nen­stadt großflächig zerstört war, nimmt eine Son­der­rolle ein, die auch unter Ar­chi­tekten heiß um­stritten ist. Seit 1990 hat Berlin einen Bevöke­rungs­transfer von etwa 1 Mil­lion Men­schen er­fahren.

Ber­liner Stadt­pla­nung: Die südliche Fried­rich­stadt als stadt­pla­ne­ri­sches Leit­bild

Viral Video Sa­tire zum Thema: Das "Ab­wer­tungskit" Regie Margit, Dreh­buch Chri­stoph Schäfer, Viral Video Award 2010.



 

 

 

 

 

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Kommentare

  • Der hat im Herbst 2008 als Debütant in Deutschland...
  • Danke für den Tipp, Tiniaden. Nie von diesem Autor...
  • Joachim Kaiser nannte die Haskil, die ab ihrer Pub...

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