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"Ich dachte immer, ich könnte fliegen". Ein biographisches Fragment

Eine be­mer­kens­wert stille Ge­schichte er­zählt Hans-Uwe L. Köhler, der hier­zu­lande vor­nehm­lich als er­folg­rei­cher Sach­buch­autor be­kannt ist. In "Ich dachte immer, ich könnte fliegen" er­kundet er die frag­men­ta­ri­schen Spuren, die seine 1994 ver­stor­bene Mutter, die 1921 auf einem kleinen Bau­ernhof in Nord­fries­land ge­boren wurde, hin­ter­lassen hat. Es werden Erin­ne­rungen, Ge­schichten, Ge­dichte und Fo­to­gra­fien zu­sam­men­ge­tragen, die die blassen Kon­turen einer Frau of­fen­baren, die ihre Ver­let­zungen zeit­le­bens hinter einer zur Schau ge­tra­genen Stärke ver­barg. Aus diesen Bruch­stücken lässt Köhler einen bio­gra­phi­schen Torso ent­stehen, der auch eine Hom­mage an eine Mutter ist, die alles dafür gab, damit es ihre Kinder einmal besser haben. Zu­gleich steht das Schicksal der Ida Lüth, die auf den Namen ihrer toten Schwester ge­tauft und nach dem Vor­namen ihres Va­ters ge­nannt wurde, für eine Ge­ne­ra­tion von Frauen ein, die Na­tio­nal­so­zia­lismus, Krieg, Nach­krieg und Wie­der­aufbau der Bun­des­re­pu­blik er­fahren haben und dabei immer der Not ge­horchten. Dass sich dem Sohn das Leben der Mutter am Ende nur lücken­haft er­schließt, liegt zu weiten Teilen an Ida Lüths Un­fä­hig­keit, sich zu be­kennen und zu of­fen­baren. "Ich dachte immer, ich sei eine Prin­zessin, die fliegen könnte. Ich hatte immer ge­hofft, dass mein Leben schön werden könnte, wenn ich nur alles Un­schöne von mir fern­hielt."

Als junges Mäd­chen ver­traut Ida Lüth fest darauf, den Weg aus Nord­fries­land in die große Welt zu finden. Zwar schafft sie es tat­säch­lich, Ro­denäs zu ver­lassen, mit dem BDM sogar zu reisen – doch wo immer sie lebt, ihr erstes Kind zur Welt bringt, ihren spä­teren Mann trifft, drei Söhne ge­biert, als Magd, Kö­chin, Haus­häl­terin, Kun­den­be­ra­terin und Frem­den­füh­rerin ar­beitet: Die Ver­hält­nisse werden enger und be­drückender. Man er­fährt von Ver­let­zungen, die Ida Lüth als mut­ter­lose Tochter mit einem zor­nigen Vater und einer ver­ständ­nis­losen Haus­häl­terin er­litt, von Zwängen, Selbst­vor­würfen und Miss­ver­ständ­nissen. Und ob­schon Ida Lüth am Ende doch noch ver­sucht, zu fliegen, ent­kommt sie ihrer ab­grund­tiefen Ein­sam­keit und einem tod­brin­genden Still-Schweigen nicht, das nicht nur sie, son­dern auch die Söhne um­gibt.

Ob­wohl der Autor mit seiner per­sön­li­chen Spu­ren­suche seine ei­gene Ge­schichte er­zählt, be­wahrt er zu­rück­hal­tende Di­stanz, was den Leser dop­pelt be­troffen macht. Das Schicksal einer Frau, die nie im Dorf leben und immer fliegen wollte, ist in einer schnör­kel­losen, la­ko­ni­schen Sprache von be­stür­zender Wir­kung er­zählt. Das Ihre tun Ori­ginal-Fotos der Fa­milie, die die Tra­gödie eines kleinen Le­bens be­bil­dern, das in vie­lerlei Hin­sicht für die Grün­der­ge­ne­ra­tion der Bun­des­re­pu­blik ty­pisch ist. Mit großem Fein­ge­fühl ge­lingt es Hans-Uwe L. Köhler, sich in eine Ge­ne­ra­tion hin­ein­zu­ver­setzen, die sich von ihren Kin­dern den Vor­wurf ge­fallen lassen muss(te), nicht hin­ge­sehen und nichts ge­sagt zu haben. "Alle Fragen mit ‚Warum‘ wurden aus­ge­blendet. Klä­rende Ge­spräche blieben aus. Weder wurde eine Schuld vor­ge­worfen, noch ein­ge­standen. Es gab keinen An­satz einer Ent­schul­di­gung und des­halb gab es auch kein Ver­zeihen."

Hans-Uwe L. Köhler, Ich dachte immer, ich könnte fliegen. Das Leben der Ida Lüth, Gabal Verlag

Siehe dazu auch: Ein Ge­spräch mit dem Sach­buch-Autor Hans-Uwe Köhler über sein li­te­ra­ri­sches Debüt (Au­toren-Ge­spräche)

 

Kommentare

  • Der hat im Herbst 2008 als Debütant in Deutschland...
  • Danke für den Tipp, Tiniaden. Nie von diesem Autor...
  • Joachim Kaiser nannte die Haskil, die ab ihrer Pub...

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