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Zeiten der Stille. Ein Gespräch mit dem Komponisten Helge Burggrabe

Seit langem beschäftigen Sie sich ins­be­son­dere mit dem Span­nungs­feld von Musik, Stille und Ar­chi­tektur. – Was fas­zi­niert Sie daran? Wie sind Sie darauf ge­kommen?
In ein Bau­werk hin­ein­zu­gehen, das die Stille würdigt und ihr Raum gibt, ist ein Ge­nuss. Musik zu hören, die atmet und Pausen zulässt, die be­wusst die Stille nach dem Er­k­lun­genen mit ein­be­zieht tut ein­fach gut. Ich persönlich würde die Stille sogar als Herzstück meines Le­bens be­zeichnen. Sie ist Aus­gangs­punkt all meiner Ideen und meines Han­delns. Sie zen­triert mich, richtet mich aus und gibt mir eine Aus­ge­gli­chen­heit bei äußerem Trubel oder bei Auf­re­gung.
Als Mu­siker bin ich nun seit langem auf der Suche nach be­son­deren Orten, die von ihrer Ar­chi­tektur her mu­si­ka­li­sche Pro­por­tionen auf­greifen und in ihren aus Stein ge­bauten Rhythmen eine Ba­lance und Stille be­sitzen. Ein sol­cher Ort ist die Ka­the­drale von Char­tres, zu der ich seit 1996 unzählige Male reiste und auch meine Di­plom­ar­beit schrieb mit dem Schwer­punkt der Ver­bin­dung von Ar­chi­tektur und Musik. In einem sol­chen Raum ist das Er­lebnis be­son­ders ein­drucks­voll, wie aus der ge­bauten Stille heraus die Musik ent­steht, sich ent­wi­ckelt und wieder in die Stille zurück­kehrt. Dieses Span­nungs­feld würde ich so be­schreiben:

Musik er­findet Stille
Ar­chi­tektur er­findet Raum
in der Re­so­nanz von Ar­chi­tektur und Musik
ent­steht der Raum der Stille

Der Film "Die große Stille", der das me­di­ta­tive Klos­ter­leben der Karthäuser­mönche do­ku­men­tiert, er­fuhr hier­zu­lande eine außergewöhn­liche Re­so­nanz. Wie erklären Sie sich dieses Phänomen?
Ich habe den Ein­druck, die Sehn­sucht nach Stille nimmt zu. Je mehr un­sere Le­bens­welt sich "veräußert", an der Oberfläche vi­briert, desto zen­traler wird die Frage nach dem In­nen­raum, nach diesem in­neren Zen­trum, das alle Ak­tivität und Be­we­gung zu­sammen­hält und eine Rich­tung gibt. Das Klos­ter­leben stellt die Kul­ti­vie­rung dieses In­nen­raums in den Mit­tel­punkt und übt durch seine klare Aus­rich­tung auf den Glauben eine große Fas­zi­na­tion aus. Ich sehe da zwei zen­trale Aspekte, die sich mit der Sehn­sucht vieler Men­schen de­cken: Die Samm­lung und Kon­zen­tra­tion, die in der Stille des Klos­ters täglich ge­lebt und ver­tieft werden und zum an­deren die Ori­en­tie­rung, die durch die klaren Struk­turen und die Tra­di­tion des Klos­ters ge­geben wird.
Die Her­aus­for­de­rung an uns heu­tige Men­schen ist ein­fach enorm, noch nie gab es eine solche In­for­ma­ti­onsfülle. Es stellen sich für jeden die Fragen: Wie kann ich da meinen Weg finden, wie kann ich für mich un­ter­scheiden zwi­schen Wich­tigem und Un­wich­tigem? Das Klos­ter­leben bietet darauf klare Ant­worten, wenn­gleich ich - wie auch beim Film - die Ge­fahr der Idea­li­sie­rung und Pro­jek­tion sehe.

Und es wäre si­cher nicht stimmig, wenn alle Men­schen den Weg des Klos­ter­le­bens wählen würden. Aber solche Orte von Zeit zu Zeit auf­zu­su­chen, der Stille Raum zu geben und mit den Fragen nach der Aus­rich­tung und Ori­en­tie­rung des ei­genen Le­bens um­zu­gehen und sie im Alltag zu in­te­grieren, das würde der in­neren Sehn­sucht ent­ge­gen­kommen und uns in Ba­lance bringen.
Wie kam es zu Ihrer Zu­sam­men­ar­beit mit Pater An­selm Grün?
1999 wurden wir in Bern erst­mals ge­meinsam en­ga­giert für ein Kon­zert unter dem schönen Titel „Klang der Stille“. Seitdem ver­bindet uns dieses Thema und ich er­lebte An­selm Grün immer wieder als einen Men­schen, der aus einer tiefen Stille schöpft. Auch bei Großveran­stal­tungen mit vielen Men­schen ruht er in sich und lässt bei seinen frei ge­hal­tenen Reden aus diesem In­nen­raum der Stille die Ge­danken auf­steigen und spricht sie aus. Der "Hymnus der Stille", den wir nun ge­meinsam für die Pro­jekte „Ora­to­rium der Stille“ (CD) und "Zeiten der Stille" (Buch/CD) ver­fasst haben, würde ich daher fast als Credo, als „stilles Ma­ni­fest“ be­zeichnen, bei dem wir ein we­sent­li­ches und uns ver­bin­dendes An­liegen auf den Punkt ge­bracht haben.
Wollen Sie uns erzählen, wie Sie Iris Berben für das Pro­jekt ge­winnen konnten?
Als der Hymnus der Stille ge­schrieben war, bei dem die Stille in "Ich-Form" spricht, stellte sich für mich die Frage: Wie hört sich das an, wenn die Stille selbst be­ginnt zu spre­chen? Ist es eine männ­liche oder eine weib­liche Stimme, eine tiefe oder hohe, eine junge oder ältere Stimme? Bei sol­chen Fragen ver­traue ich meiner In­tui­tion und die führte mich zu der aus­drucks­starken Stimme von Iris Berben, die zu meiner Freude auch gleich am nächsten Tag zu­sagte. Im Gespräch mit ihr stellte sich heraus, dass die Stille ihr viel be­deutet.
Was macht für Sie das Be­son­dere an dem ge­mein­samen Pro­jekt aus?
Das Be­son­dere ist genau diese Ge­mein­sam­keit, das ge­mein­same An­liegen. Durch die Ver­bin­dung von Musik, Text, Sprache und Bil­dern haben wir ver­sucht, die Stille möglichst viel­seitig und um­fas­send zu würdigen. Im Zen­trum steht der Hymnus der Stille, er bildet den Aus­gangs­punkt und das Herzstück. Er wird im Wort wei­tergeführt durch Pater An­selm Grün, während ich ihn ge­meinsam mit vielen wun­der­baren Mu­si­kern um­ge­setzt habe in Klang. Dafür konnte ich Auf­nahmen ma­chen in akus­tisch außergewöhn­li­chen Sa­kralräumen in Char­tres und Ham­burg. Es gibt nur ganz we­nige Mu­sik­auf­nahmen, die in der Ka­the­drale von Char­tres ge­macht werden durften.
Wir stießen bei un­seren Re­cher­chen zu Ihrem Pro­jekt auf ein Zitat von Ernst Ferstl, dem öster­rei­chi­schen Lehrer und Apho­ris­tiker: "Früher brachte der Lärm die Men­schen aus der Ruhe. Heut­zu­tage ist es die Stille." – Wes­halb fühlen sich Men­schen Ihres Er­ach­tens oft­mals durch Stille be­droht?
Die Be­trieb­sam­keit und Hektik un­serer Zeit er­zeugt nicht nur eine hohe Vi­bra­tion an der Oberfläche, sie hält uns auch von uns selbst fern. Wenn dieser äußere und in­nere Lärm die Nor­malität dar­stellt, dann kann Stille in der Tat zu einer großen Ir­ri­ta­tion führen, da wir mit einem mal mit uns selbst kon­fron­tiert werden. Wenn ich dem je­doch stand­halte und nicht wieder in Ablen­kung flüchte, kann ich zu einer ganz neuen Qualität von Ruhe und Aus­ge­gli­chen­heit kommen.
Die meisten Men­schen tun sich heute äußerst schwer damit, sich be­wusst der Stille zu öffnen. Was würden Sie diesen Men­schen mit auf den Weg geben wollen?
Ich würde be­hutsam vor­gehen. So wie wir Ur­laube planen als or­ga­ni­sierte Pausen, würde ich vor­schlagen, hier und dort kleine Fenster der Stille be­wusst ein­zu­planen. Solche Pausen tun uns gut, wir können au­satmen, uns sam­meln. Musik kann dabei eine schöne Annähe­rung an Stille sein. Meine Er­fah­rung ist, dass es zu Be­ginn manchmal mühsam ist, diese Freiräume zu ver­tei­digen. Es gibt immer noch ir­gen­detwas ganz Wich­tiges, das er­le­digt werden sollte. Im Nach­hinein merken wir je­doch, wie wert­voll es war, wenn wir uns den­noch für dieses In­ne­halten, diesen Raum der Stille ent­schieden haben und an­dere scheinbar wich­ti­gere Dinge warten mussten.

Fragen: Ge­sine von Pritt­witz, Pritt­witz & Partner, im Sep­tember 2006

 

Kommentare

  • Der hat im Herbst 2008 als Debütant in Deutschland...
  • Danke für den Tipp, Tiniaden. Nie von diesem Autor...
  • Joachim Kaiser nannte die Haskil, die ab ihrer Pub...

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