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Ein Gespräch mit Thomas Reschke, einem der Übersetzer der Erzählungen von Eduard Kotschergin

Als re­nom­mierter Über­setzer aus dem Rus­si­schen sind Sie auch ein aus­ge­wie­sener Kenner der rus­si­schen Li­te­ratur. Für den per­sona Verlag haben Sie jüngst Er­zäh­lungen eines Au­tors über­setzt, der hier­zu­lande noch zu ent­de­cken ist… Was meinen Sie: Wie wird der hie­sige Li­te­ra­tur­be­trieb auf  "Die En­gel­spuppe" von Eduard Ko­tschergin rea­gieren?
Wie der deut­sche Li­te­ra­tur­be­trieb die Neu­er­schei­nung eines gänz­lich un­be­kannten Au­tors auf­nehmen wird, muss sich zeigen. Ich hoffe auf die Feuil­le­tons, auf Wei­ter­emp­feh­lungen durch die Leser und sch­licht darauf, dass sich wirk­liche Qua­lität durch­setzen wird…
Wie schätzen Sie die li­te­ra­ri­sche Be­deu­tung Eduard Ko­tschergins ein?
Eduard Ko­tschergin, ein Ne­w­comer in der rus­si­schen Li­te­ratur, ist ei­gent­lich kein Schrift­steller, son­dern bil­dender Künstler, Zeichner und Maler, und von Beruf Büh­nen­bildner an Pe­ters­burger Thea­tern, viel­fach aus­ge­zeichnet und über die rus­si­schen Lan­des­grenzen hinaus be­kannt. Dessen un­ge­achtet weist ihn sein Erst­lings­werk, mit au­to­bio­gra­fi­schen Er­zäh­lungen, auf An­hieb als ein großes li­te­ra­ri­sches Ta­lent aus. Seine Er­zähl­weise ist nicht an­nä­hernd so weit­läufig wie bei vielen rus­si­schen Au­toren, son­dern sehr dicht, so dass ihm mit ge­drängten Mit­teln sehr in­ten­sive Aus­sagen ge­lingen. In dieser Hin­sicht ist er ver­gleichbar mit dem großen Warlam Scha­lamow, der als erster über die un­zäh­ligen Kon­zen­tra­ti­ons­lager (so von Lenin ge­nannt) des Ar­chipel Gulag be­rich­tete. Das tut Scha­lamow in einer scheinbar emo­ti­ons­losen Sprache, die le­dig­lich harte Fakten nennt, was dem Leser wie­derum starke Emo­tionen ab­zwingt.

Was be­ein­druckte Sie an Ko­tschergins Er­zäh­lungen be­son­ders?
Ko­tschergin schil­dert atem­be­rau­bende Sach­ver­halte, mensch­liche und amt­liche Hand­lungen von be­stür­zender Nie­der­tracht, aber auch immer wieder durch­­­bre­chende mensch­liche Güte, die ei­gent­lich un­er­klär­lich ist. Wir er­fahren viel über das Leben in den ersten Nach­kriegs­jahren in Pe­ters­burg und Nor­druss­land unter der Herr­schaft des Ty­rannen Stalin. Alles er­zählt Ko­tschergin in der Sprache der kleinen Leute, der Gauner, der Lager, der min­der­jäh­rigen Huren, in einem viel­schich­tigen Slang, für den es im Deut­schen kaum Ent­spre­chungen gibt. Diese Sprach­mittel konnten erst nach dem Ende der So­wje­tu­nion Ein­gang in die Li­te­ratur finden.
Die Er­zäh­lungen haben Sie ge­meinsam mit Ganna-Maria Braun­gardt und Re­nate Reschke aus dem Rus­si­schen über­tragen. Was hat Sie zu einer Ar­beit im Kol­lektiv be­wogen?
Wir haben die Über­set­zung dieses sehr an­spruchs­vollen Bu­ches zu dritt über­­nommen, um auf Deutsch ein op­ti­males Er­gebnis prä­sen­tieren zu können; wir wollten so­zu­sagen drei Er­fah­rungs­schätze zu­sam­men­führen. Jeder von uns hat die Über­set­zungen der beiden an­deren ge­lesen und re­di­giert. In langen Streit­ge­sprä­chen haben wir nach den besten Lö­sungen ge­sucht und sie – hof­fent­lich ge­funden.
Eduard Ko­tschergin ist eine bild­hafte, stre­cken­weise derbe Sprache eigen, für die das Deut­sche oft­mals keine Ent­spre­chungen kennt. Wie meis­tern Sie solche Schwie­rig­keiten?
Wie meis­tert man als Über­setzer Schwie­rig­keiten wie bei Ko­tschergin, wenn es keine Ent­spre­chungen gibt? Eine Frage, die mit einer Dok­tor­ar­beit zu be­ant­worten wäre – mit sehr vielen Bei­spielen. Man muss sich etwas ein­fallen lassen – mit­hilfe der Frage: Wie würde ich mich in der ge­ge­benen Si­tua­tion aus­drücken?

Fragen: Ge­sine von Pritt­witz, Pritt­witz & Partner, im Mai 2009

 

 

Kommentare

  • Der hat im Herbst 2008 als Debütant in Deutschland...
  • Danke für den Tipp, Tiniaden. Nie von diesem Autor...
  • Joachim Kaiser nannte die Haskil, die ab ihrer Pub...

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