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Parkinson zum Trotz. Abschied von einem vermeintlichen Freund

Wi­gand Langes erster Be­richt über sein Leben mit einer neu­ro­lo­gi­schen Krank­heit trug den über­ra­schenden Namen "Mein Freund Par­kinson". Der pro­vo­zie­rende Titel wollte her­aus­stellen, dass sich hier einer mit dem Ge­danken an­freundet, mit einer un­heil­baren Krank­heit leben zu müssen. Dazu be­darf es, dass er die Re­geln ak­zep­tiert und be­folgt, die ihm die Krank­heit dik­tiert. Unter an­derem Vor­zei­chen steht die Fort­set­zung, die fünf Jahre später er­schien. In seinem li­te­ra­ri­schen Er­fah­rungs­be­richt "Wenn Par­kinson kommt" sagt Lange dem fal­schen Freund ab, ihm den Kampf an, nicht aber die Feind­schaft! Der Er­zähler steht vor der Op­tion, ob ein Leben mit Par­kinson mög­lich ist oder sich mög­li­cher­weise ein Leben ohne Par­kinson ein­richten lässt. Es geht um Selbst­be­stim­mung oder Ve­ge­tieren im Schatten der Krank­heit. Die Siege und Nie­der­lagen beim Ver­such, ohne Par­kinson aus­zu­kommen, ge­staltet die Fort­set­zung ein­dring­lich und auf li­te­ra­risch hohem Ni­veau. Lange schätzt das dop­pelbö­dige Spre­chen und kaf­kaeske Szenen. Selbst die Krank­heit trägt viel­ge­stal­tige Namen. "P." nennt der Er­zähler sie etwa, wenn er ihr in Au­gen­höhe be­gegnet; "Lehr­meister", wenn sie ihn in die Knie zwingt.

Ka­lei­do­sko­pisch ver­mit­telt die Lek­türe, wie es Wi­gand Lange in den ver­gan­genen Jahren mit Par­kinson im Nacken er­gangen ist. Mit­leid hat er dabei weder mit dem Be­trof­fenen, noch mit dem Leser, den er scho­nungslos mit den Um­ständen der Krank­heit kon­fron­tiert: sei es In­kon­ti­nenz als Ne­ben­wir­kung der Me­di­ka­mente, die Ver­lang­sa­mung der mo­to­ri­schen Be­we­gungen, die Hy­per­­sen­si­ti­vität ge­gen­über elek­tro­ma­gne­ti­schen Fel­dern oder die Ängste und Hoff­nungen. Wenig zim­per­lich, bis­weilen launig geht Lange, dessen be­vor­zugte Stil­mittel Ironie, Witz, Humor und Sa­tire sind, mit der ei­genen Figur/Person um. Selbst dann, wenn ihm das La­chen längst ver­gangen ist, frot­zelt er, lacht etwa über sich, wenn er kaum im­stande ist, ein Bank­for­mular aus­zu­füllen. – Dass der Autor dieses Stil­mittel hier so ge­konnt aus­spielt, liegt auf der Hand: Ironie macht Uner­träg­li­ches be­kannt­lich leichter.
Trotz aller Selbstironie, die auch die not­wen­dige Di­stanz zum Sujet schafft, scheint immer wieder das Un­be­hauste durch: Eine exis­ten­zi­elle Ver­stört­heit, die nicht nur der mons­trösen Krank­heit zu schulden ist, son­dern einem un­ru­higen Geist, der auf der Suche ist, um Wahr­heit und Vollen­dung zu finden. So geht es in diesem au­ßer­ge­wöhn­li­chen Buch nicht al­lein darum, sich von Par­kinson zu eman­zi­pieren, son­dern um einen Be­wusst­wer­dungs­pro­zess, der Geist, Seele und Körper läu­tern sollte: Wer war ich? Wer bin ich? und – Was bin ich außer dem be­schä­digten Ob­jekt noch, zu dem mich Par­kinson bzw. die Um­stände ge­macht haben, die zur un­heil­baren Krank­heit führten? Ge­ne­sung findet Lange für sich, indem er Grenzen über­schreitet, sei es auf einem Se­gel­törn über den stür­mi­schen At­lantik, indem er auf ver­meint­lich heil brin­gende Me­di­ka­mente ver­zichtet oder beim Ver­such, Kla­vier zu spielen trotz ge­störter Fein­mo­torik. Dabei folgt er einer Ma­xime: Um seiner selbst und heil willen traut er sich viel­fach mehr zu als ihm die Krank­heit und die Um­stände scheinbar er­lauben. Und so macht sein Le­bens­be­richt auch Mut, Ex­treme zu wagen und Zwänge auf­zu­bre­chen an­statt fremd­be­stimmt und angst­be­setzt zu ve­ge­tieren.

Wi­gand Lange: Wenn Par­kinson kommt. Meine Er­fah­rungen mit einem un­ge­be­tenen Gast, Gü­ters­loher Ver­lags­haus

 

Kommentare

  • Der hat im Herbst 2008 als Debütant in Deutschland...
  • Danke für den Tipp, Tiniaden. Nie von diesem Autor...
  • Joachim Kaiser nannte die Haskil, die ab ihrer Pub...

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