lesenleben.de

  • Schrift vergrößern
  • Standard-Schriftgröße
  • Schriftgröße verkleinern

Das Leben ausatmen, so wie es sich ausatmen will. Eine Sterbekunst für unsere Zeit

Was den Tod an­be­trifft, so bleiben die meisten von uns stumm. Nach innen und nach außen. Dabei steht eines fest: Es gibt keine Le­bens­er­fah­rung, auf die wir uns so lange und so sorg­fältig vor­be­reiten können wie auf das Sterben. So vor­be­reiten, dass es auch um den Abend licht wird, wie der Pro­phet Sacharja schreibt. Und das wäre eine Vor­be­rei­tung nicht nur auf das Ende un­seres Le­bens, son­dern auf seine Mitte und seine Tiefe. Denn – "Ster­bens­kunst ist Le­bens­kunst und um­ge­kehrt".

Wal­demar Pisarski weiß, warum er sich in "Auch am Abend wird es licht sein" de­zi­diert gegen das Ver­drängen des Todes aus dem Leben aus­spricht. Dem Sterben ist er immer wieder be­geg­net: In einem ame­ri­ka­ni­schen Zucht­haus be­treute er zum Tode Ver­ur­teilte, er war sechs Jahre lang Pfarrer in der KZ-Ge­denk­stätte Dachau und ar­bei­tete über ein Jahr­zehnt seel­sor­ge­risch in einem deut­schen Groß­kran­ken­haus. Die per­sön­li­chen Er­fah­rungen mit Ge­walt, Un­recht und Not, seine täg­li­chen Be­suche an Ster­be­betten, die zahl­losen Ge­spräche mit An­ge­hö­rigen und nicht zu­letzt der Tod des ei­genen Va­ters haben ihn ge­lehrt, das Sterben als Schwelle für neues Leben zu be­greifen.

In seinem Buch, das auch per­sön­lich Bi­lanz zieht, nutzt er zahl­reiche his­to­ri­sche Quellen und Zeug­nisse, skiz­ziert eine kleine Kul­tur­ge­schichte des Todes, be­richtet von Men­­schen, die sich dem Tod ge­stellt haben, und ent­wi­ckelt so Schritt für Schritt eine Ster­be­kunst für heute, die dem 90. Psalm folgt: "Herr lehre uns be­denken, dass wir sterben müssen, damit wir weise werden." Dabei geht der Autor nicht von den Rän­dern des Le­bens, son­dern von dessen Mitte aus. Er öffnet den Blick dafür, dass es uns Zeit un­seres Le­bens auf­ge­geben ist, Ab­schied zu nehmen und los­zu­lassen, ob das die ei­genen Kinder sind, Men­schen, die wir lieben, oder Le­ben­s­phasen sowie Werte und Ein­stel­lungen, die anachro­nis­tisch ge­worden sind. Tat­säch­lich sind es die kleinen Tode, die wir täg­lich durch­leben, die uns die Angst vor dem großen Sterben am Ende des Le­bens nehmen. – "Wir müssen täg­lich sterben, damit wir nicht sterben, wenn wir sterben", so eine In­schrift im Dom zu Schleswig, die den be­mer­kens­werten Titel leit­mo­ti­visch durch­zieht.

Pisarskis Buch lebt stark von der Poesie her. Der Autor ver­steht sich nicht nur auf eine bil­der­reiche Sprache, er bietet auch einen rei­chen Fundus an Texten, Gleich­nissen, Mär­chen, Psalmen und Ge­dichten, die das ihre tun, um den Leser nach­denk­lich zu stimmen. Da Leben und Tod Po­la­ri­täten sind, die nicht aus­ein­ander ge­rissen werden dürfen, gibt das fa­cet­ten­reiche Buch zudem viele prak­ti­sche An­re­gungen und Hil­fe­stel­lungen für ein sin­n­er­fülltes Leben, zu dem Tod und Ab­schied ge­hören. Hier schlägt Pisarski eine Brücke zur bud­dhis­ti­schen Zen­me­di­ta­tion, dem Yoga und der hin­duis­ti­schen Man­tra­me­di­ta­tion. – Sein au­then­ti­sches Plä­doyer, die Pforte des Todes offen zu halten, macht Mut, das Sterben ins Leben zu holen. Dem Leser wird be­wusst, dass er es­sen­ti­elle Er­fah­rungen ein­büßt, wenn er den Tod aus seinem Leben aus­sperrt.

Wal­demar Pisarski: Auch am Abend wird es licht sein. Die Kunst, zu leben und zu sterben, Clau­dius Verlag

 

Kommentare

  • Der hat im Herbst 2008 als Debütant in Deutschland...
  • Danke für den Tipp, Tiniaden. Nie von diesem Autor...
  • Joachim Kaiser nannte die Haskil, die ab ihrer Pub...

Über uns

Willkommen auf Lesenleben! Assoziiert mit Prittwitz & Partner wollen wir hier Betrachtungen und Empfehlungen rund um die (Bücher-) Welt anregen. Wir freuen uns auf Beiträge und Kommentare.

      LLklein

 powered by  2010