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Warten auf Onkel Wackelflügel! Eine wahre Geschichte aus der Berliner Nachkriegszeit

Gerne emp­fehle ich Kin­dern ab 6 Jahren das Bil­der­buch "Mer­cedes und der Scho­ko­la­de­pilot" zur Lek­türe. Es macht mit den Hel­den­taten des in­zwi­schen 89-jäh­rigen Air-Force Pi­loten Gail Hal­verson be­kannt, der in die Zeit­ge­schichte als "Onkel Wa­ckel­flügel" bzw. "Scho­ko­la­de­pilot" ein­ging. Wäh­rend ge­fähr­li­cher Lan­de­ma­növer im Rahmen der Ber­liner Luft­brücke warfen er und seine Flug­ka­me­raden mehr als 23 Tonnen Sü­ßig­keiten für Ber­lins hun­gernde Kinder ab. Die süßen Gaben, die an kleinen Fall­schirmen aus Ta­schen­tü­chern vom Himmel se­gelten, spen­deten nicht nur ver­letzten Kin­der­seelen Trost. Mit ihren wag­hal­sigen Ein­sätzen hatten die "Candy-Bomber" we­nige Jahre nach Kriegs­ende ein sym­bol­träch­tiges Zei­chen ge­setzt, das nicht al­lein den ein­ge­schlos­senen Ber­li­nern Hoff­nung gab. Aus kind­ge­rechter Per­spek­tive er­zählt Margot Theis Raven im groß­for­ma­tigen Bil­der­buch die Ge­schichte der sie­ben­jäh­rigen Mer­cedes, die nach Kriegs­ende mit ihrer Mutter in der Frie­de­nauer Häh­nel­straße lebt.

Ob­wohl die Nester meist leer bleiben, werden im Hin­terhof in der Hoff­nung auf fri­sche Eier Hühner ge­halten. Da das Ber­liner Viertel in der west­li­chen Ein­flug­schneise zum Flug­hafen Tem­pelhof liegt, kommt Mer­cedes zum Schluss, dass die Hühner des­halb keine Eier legen, weil sie sich vor den don­nernden Flug­zeugen der Luft­brücke fürchten. Als die Mutter be­richtet, dass die Ro­si­nen­bomber Sü­ßig­keiten für Kinder regnen lassen, macht sich das Mäd­chen zum Roll­feld auf, wo es ihr al­ler­dings nicht ge­lingt, eines der ver­hei­ßungs­­vollen Fall­schirm­chen zu er­gat­tern. Und so schreibt Mer­cedes an Co­lonel Hal­verson: "Lieber Scho­ko­la­de­pilot! Wir leben nahe am Flug­hafen Tem­pelhof. Un­sere Hühner glauben, dass Eure Flug­zeuge Hüh­ner­ha­bichte sind… Sie laufen in den Stall und ver­lieren ein paar Fe­dern, legen keine Eier mehr. Das ist sehr schlimm für uns. Wir brau­chen die Eier. Könnten Sie nicht ein paar Sü­ßig­keiten für mich ab­werfen, wenn Sie über un­seren Garten fliegen? Sie brau­chen nur nach den Hüh­nern in un­serem Hof Aus­schau halten. Dann ist alles in Ord­nung, denn dann macht es mir nichts aus, wenn Sie die Hühner er­schre­cken."

Die an­rüh­rende Nach­er­zäh­lung einer wahren Be­ge­ben­heit in den Nach­kriegs­jahren, die Gi­js­bert van Fran­ken­huyzen auf­wändig mit le­bens­nahen Mo­ment­auf­nahmen aus dem zer­störten Berlin il­lus­trierte, macht Kinder (und Er­wach­sene, die Krieg, Zer­stö­rung und den Kampf ums Über­leben nicht aus ei­gener An­schauung kennen) mit einem wich­tigen Ka­pitel der jün­geren deut­schen Ge­schichte be­kannt. Da die Ge­schichte aus den Tagen der Ber­liner Luft­brücke, die die Ame­ri­ka­nerin Raven auch an­hand von In­ter­views mit Zeit­zeugen sorg­fältig re­cher­chierte, au­then­tisch ist, bietet sich das lie­be­voll ge­stal­tete Bil­der­buch vor­züg­lich an, um Ge­spräche zwi­schen Groß­el­tern und En­kel­kin­dern über die Folgen des Zweiten Welt­kriegs und die An­fänge zweier deut­scher Staaten in Gang zu setzen. Ein Üb­riges zum Ver­ständnis der deut­schen Nach­kriegs­ge­schichte tun Kom­men­tare des "Scho­ko­la­de­pi­loten" Hal­verson und eine kind­ge­rechte Ein­füh­rung mit Hin­ter­grund­in­for­ma­tionen zur Berlin-Blo­ckade. – Re­spekt ver­dient auch, dass das Bil­der­buch, das ein Ge­schichts­buch erster Güte für Kinder ab sechs Jahre ist, oben­drein Werte wie Freund­schaft, So­li­da­rität oder Hilfs­be­reit­schaft the­ma­ti­siert.

Margot Theis Raven: Mer­cedes und der Scho­ko­la­de­pilot. Il­lus­tra­tionen von Gi­js­bert van Fran­ken­huyzen, edi­tion Grüntal

 

Kommentare

  • Der hat im Herbst 2008 als Debütant in Deutschland...
  • Danke für den Tipp, Tiniaden. Nie von diesem Autor...
  • Joachim Kaiser nannte die Haskil, die ab ihrer Pub...

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