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Sherwin B. Nuland : Wie wir sterben

Der ame­ri­ka­ni­sche Chirurg und Pro­fessor für Me­di­zin­ge­schichte Sherwin B. Nu­land be­schäf­tigt sich auf knapp 400 Seiten mit dem Sterben des Men­schen. Dazu be­leuchtet er - mal in einem, mal in bis zu drei Ka­pi­teln die am meisten ver­brei­teten To­des­ur­sa­chen von Herz - Kreis­lauf - Er­kran­kungen über ge­walt­same To­des­arten - vom Un­fall bis zum Suizid - bis hin zu AIDS und Krebs. Er schil­dert de­tail­liert die phy­sio­lo­gi­schen Vor­gänge, den Un­ter­gang ver­schie­dener Or­gane durch man­gelnde oder ganz aus­set­zende Sau­er­stoff­zu­fuhr, er­läu­tert Krank­heits­bilder und den Ab­lauf des Ster­bens. Ein Ka­pitel setzt sich mit dem Al­ter­stod aus­ein­ander, den es in der heu­tigen me­di­zi­ni­schen Ter­mi­no­logie nicht gibt, da die Me­dizin darauf be­steht, eine letzt­end­liche - auch vor­han­dene - To­des­ur­sache zu finden und zu be­nennen. Die gibt es auch zu­meist, doch Nu­land weist nach, daß Al­ters­schwäche einen zeit­li­cher Ab­lauf dar­stellt, in dem sich krank­hafte Vor­gänge ad­dieren, das Wi­der­stand­spo­ten­tial des Kör­pers zu­neh­mend schwä­chen, und es letzt­lich gleich­gültig ist, wel­cher Vor­gang dem Leben letzt­end­lich das Ende be­reitet. Jedes Ka­pitel seiner Ar­gu­men­ta­tion baut auf einer Fall­ge­schichte auf, die er ent­weder als prak­ti­zie­render Arzt, Freund eines Be­trof­fenen oder gar als Ver­wandter mi­ter­lebt hat. Er kommt nicht umhin, fest­zu­stellen, daß das wür­de­volle, fried­liche Sterben, das sich als Ideal­vor­stel­lung bei den meisten Men­schen fest­ge­setzt hat, nur selten mit den realen Ab­läufen des Ster­bens zu tun hat. Selbst die Zeug­nisse von Me­di­zi­nern von einem "fried­li­chen Da­hin­scheiden" sind für ihn meist nur eine Au­gen­blicks­wahr­neh­mung, eine ge­fil­terte Dar­stel­lung eines Auschnittes der Rea­lität, denn vor dem le­talen Koma oder einer tiefen Be­wußt­lo­sig­keit liegen zu­meist Pro­zesse, die mit Leiden, Schmerzen und ent­täuschten Hoff­nungen ver­bunden sind. In der Regel er­folgt der Un­ter­gang des Kör­pers in einer nicht weg­zu­leug­nenden Ka­ta­strophe, fol­ge­richtig sind denn auch die von ihm er­läu­terten Krank­heiten in seiner Auf­fas­sung die "Apo­ka­lyp­ti­schen Reiter". Der "schöne Tod", im Sinne einer Ars mo­ri­endi scheint nicht wirk­lich er­reichbar, egal ob man mit einem Herz­in­farkt unter Schmerzen zu­sam­men­bricht, den un­aus­weich­lich ein­tre­tenden kör­per­li­chen Folgen der Alz­heimer - Er­kran­kung aus­ge­lie­fert ist oder dem Wüten eines Krebses oder den Fol­ge­in­fek­tionen bei AIDS er­liegt. Für Nu­land ist der Tod jedes mensch­li­chen Le­bens un­aus­weich­lich, dient zur Er­hal­tung der Art und ist ge­ne­tisch oder in den Zellen vor­pro­gram­miert. Uns­terb­lich­keit müßte ver­hin­dern, daß die Jungen sich durch­setzen, daß neue Ent­de­ckungen und Er­kennt­nisse Raum ge­winnen und eine Fort­ent­wick­lung der Gat­tung Mensch be­för­dern könnten. Das Be­dürfnis nach einem Tod in Würde ist dem Autor durchaus ver­ständ­lich, und so be­schäf­tigt er sich in ei­nigen Ab­schnitten auch mit der Selbst­tö­tung und der Ster­be­hilfe. Beides lehnt er nicht grund­sätz­lich ab, vor­aus­ge­setzt, ein Mensch sei un­heilbar, ir­re­ver­sibel er­krankt und ein Lei­den­sprozeß stünde ihm un­aus­weich­lich bevor. So scheint ihm die in den Nie­der­landen ge­setz­lich ge­re­gelte Form der Ster­be­hilfe an­nehmbar, da hier eine lang­jäh­rige Arzt - Pa­ti­enten - Bin­dung vor­aus­ge­setzt wird, die etwa in Ster­be­hil­fe­ver­einen, die es auch in den USA gibt (oder ge­geben hat - das Buch er­schien erst­mals 1993) und mit dem Schweizer Pen­dant ("Di­gnitas") wohl ver­gleichbar sind, ihm kei­nes­falls ge­währ­leistet ist. Neben den Leiden stehen der Würde beim Sterben in seiner Sicht aber auch äu­ßere Ge­ge­ben­heiten ent­gegen : so ist die zu­neh­mende An­ony­mi­sie­rung durch die Ver­la­ge­rung in hoch tech­ni­sierte In­ten­sivsta­tionen ebenso ein Pro­blem wie ei­nige Her­an­ge­hens­weisen der Ärzte. So stellt er fest, daß Me­di­ziner sich immer dazu ver­pflichtet fühlen - und er spricht sich selbst davon nicht frei - alles nur Er­denk­liche zu tun, um jedes Quent­chen Hoff­nung auf Le­bens­ret­tung wahr­zu­nehmen, daß Ärzte jede auch töd­liche Krank­heit als eine Her­aus­for­de­rung und ein zu lö­sendes Rätsel be­trachten, was zwar durchaus der Weit­ent­wick­lung der Me­dizin diene, aber das Leiden des der immer wei­ter­ge­henden Be­hand­lung aus­ge­lie­ferten Pa­ti­enten außer Acht lasse. Dies führe mit­unter dazu, daß ein Me­di­ziner im Arzt - Pa­ti­enten - Ge­spräch die Fakten ein­seitig po­sitiv dar­stelle, um beim Pa­ti­enten Hoff­nung auf­recht­zu­er­halten, aber auch um ihm die ei­genen The­ra­pie­schritte schmack­haft zu ma­chen. Dabei un­ter­stütze ihn - im Ge­gen­satz zu der von Kübler - Ross an­ge­nom­menen Ent­wick­lung in Phasen - daß Pa­ti­enten oft­mals bis zum Ende (oder bis zum Ein­tritt der Be­wußt­lo­sig­keit) im ersten Sta­dium - der Leug­nung - ver­harren und nie­mals bis zur An­nahme des un­ab­wend­baren Todes ge­langen. Den­noch sieht Nu­land durchaus Wege, eine ge­wisse Würde im Ster­be­prozeß zu wahren. Un­nö­tige The­ra­pien, die mehr und län­geres Leiden brächten seien zu ver­meiden, sodaß ab einem be­stimmten Punkt der Natur ihren Lauf ge­lassen werde. Die Ster­be­be­glei­tung durch Ärzte, aber auch durch Freunde und An­ge­hö­rige müsse ge­för­dert und aus­ge­baut werden, was nach sich ziehe, daß fal­sche Rück­sichten und Scho­nung der Ster­benden und ihrer Nächsten ver­mieden werden müßte, damit ein ak­tives Ab­schied­nehmen über­haupt ge­währ­leistet werden könne. Ge­rade die AIDS - Pa­ti­enten, die zum Teil aus ihrer ge­wohnten Ge­sell­schaft aus­ge­stoßen worden oder her­aus­ge­bro­chen seien, sich aber frei ge­wählte Be­zugs­sys­teme und - Per­sonen ge­schaffen hätten, scheinen hier ein po­si­tives Bei­spiel dar­zu­stellen. Nu­land plä­diert zudem dafür, die Rolle des Haus­arztes neu zu be­leben, denn der sei es, der die Ent­wick­lung des Pa­ti­enten über lange Jahre be­ob­achten und die Ent­wick­lungen im Ster­be­prozeß zum Wohle des Pa­ti­enten genau ein­schätzen könne.

Dieses Buch ent­zieht sich weit­ge­hend einer Ka­te­go­ri­sie­rung. Es ist eine Mi­schung aus all­ge­mein­ver­ständ­li­chem me­di­zi­ni­schen Sach­buch, Rat­geber in be­grenztem Maße und einer Art Be­stands­auf­nahme. Zwar wage ich zu be­zwei­feln, daß töd­lich Er­krankte selbst oder deren un­mit­telbar be­trof­fenen An­ge­hö­rigen daraus Nutzen ziehen könnten oder sich gar derart ex­plizit mit dieser The­matik aus­ein­an­der­setzen wollten, es sei denn, ihre Ratio do­mi­niere das Ge­fühl­ser­leben in kaum nach­voll­zieh­barer Weise, doch mag das Buch für Leser, die sich der Al­te­rung und des un­ver­meid­baren Todes gewiß sind, ei­nige An­halts­punkte für ei­gene Ge­danken und ei­genes Han­deln be­reit­halten, z.B., im Voraus dem ärzt­li­chen Han­deln durch eine Pa­ti­en­ten­ver­fü­gung Grenzen zu setzen. In weiten Teilen funk­tio­niert das Buch al­ler­dings als eher po­pu­lär­wis­sen­schaft­li­ches Sach­buch, das me­di­zi­ni­sche Sach­ver­halte und pa­tho­lo­gi­sche Vor­gänge ruhig, sach­lich und de­tail­liert er­klärt. Nu­land be­dient sich dazu nicht nur seines me­di­zi­ni­schen Wis­sens, son­dern ver­weist auf kul­tur­ge­schicht­liche Dar­stel­lungen in Bild oder Text - so ent­nimmt er eine Fall­ge­schichte einem Thea­ter­stück - oder auf Do­ku­mente und Auf­zeich­nungen aus der langen Ge­schichte der Me­dizin, mit­hilfe derer er Krank­heits­bilder zum Teil seit der An­tike bis in die Ge­gen­wart ver­folgt. Dazu ge­sellen sich Sta­tis­tiken, die al­ler­dings fünf­zehn Jahre nach der Erst­ver­öf­fent­li­chung im Ori­ginal nicht mehr ganz ak­tuell sein dürften, aber durchaus auch heute noch gül­tige Ten­denzen auf­zeigen dürften. Ein ähn­li­ches Pro­blem er­gibt sich, wenn er den Stand der For­schungen zu Alz­heimer oder AIDS be­schreibt, auch wenn na­tür­lich in beiden Fällen wei­terhin gilt, daß ein Heil­mittel bis­lang nicht ge­funden wurde. Den­noch bleibt auch dort die Greund­aus­sage un­ein­ge­schränkt gültig, auch wenn ei­nige neuere Ent­wick­lungen keine Auf­nahme in das Buch haben finden können. Neben den Ver­weisen auf Kultur - und  Me­di­zin­ge­schichte, der aus­führ­li­chen Schil­de­rung pa­tho­phy­sio­lo­gi­scher Vor­gänge, dem Über­setzen und Er­klären von me­di­zi­ni­schen Fach­be­griffen greift der Autor immer wieder zu kon­kreten Fall­bei­spielen, zum Teil ohne sich selbst zu schonen. So schil­dert er seine Hilf­lo­sig­keit, als er als junger As­sis­tenz­arzt den töd­li­chen Herz­in­farkt eines Pa­ti­enten mi­ter­leben mußte, das jah­re­lange Sterben seiner Groß­mutter, das er als nach und nach ein­tre­tende Al­ters­schwäche wahr­ge­nommen hatte, oder den Kreb­stod seines äl­teren Bru­ders, bei dem er selbst wider bes­seres Wissen jede nur denk­bare The­rapie für mög­lich und not­wendig hielt, nur um dem Bruder die Hoff­nung nicht zu rauben. Sherwin B. Nu­land er­zählt und be­schreibt in einer nüch­ternen, nie sent­mentalen und klaren Sprache, ohne an­de­rer­seits je in ver­klau­su­lierte Wis­sen­schaftss­prache ab­zugleiten. Den­noch mag es vor­kommen, daß Fremd­wörter und ei­nige, we­nige Fach­ter­mini auf­tau­chen, die die Be­nut­zung eines Fremd­wör­ter­bu­ches oder eines Le­xi­kons mit me­di­zi­ni­schen Fach­be­griffen nötig ma­chen. Häu­figer ist es al­ler­dings, daß ein vor ein - oder zwei­hun­dert Seiten er­klärter Be­griff noch einmal er­scheint, der Leser aber die de­tail­lierte Er­klä­rung mög­li­cher­weise ver­gessen hat. Dann hilft ein Be­griffs - und Na­mens­re­gister, um an die ur­sprüng­liche Stelle zu­rück­zu­blät­tern. Ef­fek­tiver al­ler­dings schiene mir ein Glossar, das im An­hang kurz­ge­fasste Be­griffs­de­fi­ni­tionen sam­melte. Ob das Buch nun die Angst vor dem Tod min­dert, wie der Verlag wirbt, liegt wohl im Auge des Be­trach­ters. Den­noch ent­my­tho­lo­gi­siert dieses Sach­buch das Sterben, be­schreibt und ana­ly­siert die Vor­gänge prä­zise, sach­lich und kennt­nis­reich. Im Sinne der Auf­klä­rung ist es ein nütz­li­ches und viel­leicht wir­kungs­volles Buch. Doch ob­wohl Nu­land auf jedes sen­sa­ti­ons­hei­schende Mo­mentum ver­zichtet und kaum die Grenze des Ap­pe­tit­li­chen über­schreitet, sollte sich jeder Leser vorher die Frage stellen, ob er denn alles so genau wissen möchte. Wenn er es wissen will, ist er bei Nu­land in guten Händen.{jcom­ments on}

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  • Danke für den Tipp, Tiniaden. Nie von diesem Autor...
  • Joachim Kaiser nannte die Haskil, die ab ihrer Pub...

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