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Ein Gespräch mit Markus Reiter über "Dumm 3.0"

In Ihrem Buch "Dumm 3.0. Wie Twitter, Blogs und Net­works un­sere Kultur be­drohen" klam­mern Sie die Seg­nungen des In­ter­nets be­wusst aus. Lassen Sie mich den­noch wissen, was Sie daran schätzen, möglich­weise sogar fas­zi­niert, und welche Rolle das In­ternet in Ihrem persönli­chen Leben spielt?
Ohne das In­ternet könnte ich nicht so ar­beiten, wie ich es heute tue. Al­lein für die Re­cherche meiner Bücher würde ich deut­lich länger brau­chen. Natürlich ist es wun­derbar, je­der­zeit auf die In­for­ma­tionen zurück­greifen zu können, die man ge­rade benötigt. Ich will auf das In­ternet des­halb kei­nes­falls ver­zichten. Aber seine All­ge­gen­wart hat ge­sell­schaft­liche Folgen, denen wir uns nicht ver­schließen können. Hätte je­mand Gott­lieb Daimler vor­her­ge­sagt, dass seine Er­fin­dung des Autos einmal dazu führt, dass sich unser Klima verändert, un­sere In­nenstädte zerstört und un­sere Land­schaft ver­sie­gelt werden – er hätte diesen Men­schen der Fort­schritts­feind­lich­keit ge­ziehen. Aber genau das ist pas­siert. Wir müssen diese Folgen zur Kenntnis nehmen und zu be­herr­schen lernen, ohne heute das Auto ab­schaffen zu wollen.
Frank Schirr­ma­cher be­klagt in "Pay­back" vor­nehm­lich In­for­ma­tionsüber­flu­tung und Mul­ti­tas­king und damit letzten Endes An­griffe auf un­sere neu­ro­nale Kon­sti­tu­tion. Sie holen weiter aus. Was stimmt Sie mit Blick auf die Zeit nach der 3. Me­di­en­re­vo­lu­tion be­son­ders be­denk­lich?
Dass die Fi­nan­zie­rung von Jour­na­lismus zu­sam­men­zu­bre­chen droht. Das führt dazu, dass wir alle künftig womöglich selbst im In­for­ma­tionsüber­fluss den Schrott vom Wert­vollen trennen müssen. Dies kostet Zeit und ist feh­leranfällig, weil wir als Ein­zelne die Res­sourcen nicht haben, über die eine Re­dak­tion verfügt. Wenn wir am Ende verläss­liche In­for­ma­tionen nur noch aus so­zialen Netz­werken be­ziehen können, hängt es sehr stark davon ab, in welche Netz­werke wir ein­ge­bunden sind. Die Spal­tung der Ge­sell­schaft in eine In­for­ma­ti­ons­e­lite und einen Rest, der sich mit Junk-In­for­ma­tionen zu­frieden gibt, wird sich ver­brei­tern.

Haben Sie eine Erklärung dafür, warum die Dis­kus­sionen über die Ent­wick­lungen in­folge der Me­di­en­re­vo­lu­tion hier­zu­lande so ver­bissen geführt werden?
Weil es sich um einen Macht­kampf han­delt. Es geht um die künf­tige Ver­tei­lung von Auf­merk­sam­keit und Ein­fluss – also um Macht. Die Ver­treter der Neuen Me­dien wollen jene Macht erobern, die bis­lang die Alten Me­dien in­ne­hatten. Darum ist ja Frank Schirr­ma­cher ein so be­liebter Gegner. Ein sol­ches Ringen um Macht ist, so­lange es sich in de­mo­kra­ti­schen Formen ab­spielt, völlig le­gitim. Nur sollte man nicht auf das Al­truismus-Ge­rede der Alpha-Blogger he­rein­fallen.
Denken Sie, dass es à la longue zu einem In­ter­es­sens­aus­gleich Blo­gosphäre und Old-Media kommt und was müsste dafür getan werden, damit die verhärteten Fronten bröckeln?
Wie das bei Machtkämpfen so ist: Sie enden mit der Nie­der­lage einer Seite, mit einem Kom­pro­miss­frieden oder mit einem Waf­fen­still­stand. Ich rechne mit einem Waf­fen­still­stand, der hin und wieder von ein­zelnen Scharmützeln um den Grenz­ver­lauf un­ter­bro­chen wird.
In "Dumm 3.0" ver­treten Sie Thesen, die die Web-Avant­garde brüskieren dürften. Su­chen Sie eine di­rekte Kon­fron­ta­tion?
In der Web-Arena wird ja am liebsten mit dem Beil gekämpft. Da kann man schlecht mit dem leichten Degen an­treten. In­so­fern denke ich, dass ich die Mitte gewählt habe und das Schwert nehme.
Die "New York Times" ent­wi­ckelt für 2011 ein Paid Con­tent Mo­dell, das "Häufig-Nutzer" zur Kasse bitten soll. Auch Ro­bert Mur­dochs "Wall Street Journal" ver­langt Geld für In­halte. Ist Paid Con­tent die Zu­kunft?
Paid Con­tent wird sich durch­setzen, auch in Deutsch­land, mögli­cher­weise un­terstützt durch mo­bile Endgeräte wie Apples iPhone und iPad. So­bald eine kri­ti­sche Größe von An­bie­tern er­reicht ist, die ihre In­halte nur gegen Geld zur Verfügung stellen, werden die User nicht umhin können zu be­zahlen – oder mit schlechten In­halten vor­lieb zu nehmen. Dies führt im Übrigen dazu, dass sich die Schere zwi­schen In­for­ma­ti­ons­e­lite und dem Rest weiter öffnet.
Wie Sie es im Buch vor­her­sagen, be­schloss Du­Mont in­zwi­schen die Einführung eines Re­porter­pools für Frank­furter Rund­schau, Ber­liner Zei­tung, Kölner Stadt­an­zeiger und Mit­tel­deut­sche Zei­tung. Wie schätzen Sie die Ent­wick­lung ein?
Sie wird sich fort­setzen. Man kann noch nicht einmal sagen, dass dies zu einem Qualitäts­ver­lust führt. Ver­mut­lich sind große Man­tel­re­dak­tionen mit Spe­zia­listen und guten Re­por­tern sogar besser als viele kleine Re­dak­tionen, die vor sich hin wursch­teln. Vor­aus­set­zung ist, dass die Ver­leger die Maßnahmen nicht als Mo­dell zur Bil­lig­pro­duk­tion von In­halten nutzen.
Sie beschäftigen sich in Ihrem Buch mit Po­si­tionen von Peter Glaser, der sich in­zwi­schen für die Einführung einer Kultur-Fla­trate aus­sprach. Was halten Sie davon?
Ich be­zweifle, dass das Auf­kommen aus einer Kultur-Fla­trate aus­reicht, die Kultur- und Infor­ma­ti­ons­an­ge­bote vernünftig zu fi­nan­zieren. Zudem er­for­dert die Er­he­bung und Ver­tei­lung einen großen Auf­wand. Grundsätz­lich bin ich über­zeugt: Nicht­ma­te­ri­elle Güter und Dienst­leis­tungen haben einen Wert, und der drückt sich im Preis aus. Ich bin des­halb für eine markt­wirt­schaft­liche Lösung.
Anläss­lich der So­cial Media Week, die kürz­lich in Berlin und an­deren Städten in der ganzen Welt statt­fand, äußerte sich der Blogger Lum­mer­land kri­tisch zur In­ter­ne­ta­vant­garde. Ist nach einem Jahr der In­ternet-Ma­ni­feste, für 2010 ein Blogger-Ba­shing an­ge­sagt?
Zu­min­dest ist die Zeit der un­wi­der­spro­chenen Selbst-Apo­theose ei­niger Blogger vorbei. Die Alpha-Blogger sind ja keine neue, ed­lere Ver­sion des Men­schen, son­dern ganz nor­male Männer (und we­nige Frauen), die ihren An­teil an Macht, Ein­fluss und Auf­merk­sam­keit wollen.
Sie bloggen. Werden Sie die Themen, die Sie in „Dumm 3.0“ be­han­deln, dort http://klar­deutsch.blogger.de/ weiter ver­folgen?
Ja. Das ist ja das Schöne. In einem Buch kann man die großen Li­nien auf­zeigen und seine Über­le­gungen in einen Zu­sam­men­hang stellen. Der Blog er­laubt es, auf Ak­tu­elles zu rea­gieren und bei Twitter meldet man sich mit Ge­dan­ken­split­tern zu Wort. Mir be­reiten nur jene Leute Sorgen, die ihre Ge­dan­ken­splitter auf Twitter mit Nach­denken ver­wech­seln.

 

Fragen: Ge­sine von Pritt­witz, Pritt­witz & Partner, im März 2010

 

Kommentare

  • Der hat im Herbst 2008 als Debütant in Deutschland...
  • Danke für den Tipp, Tiniaden. Nie von diesem Autor...
  • Joachim Kaiser nannte die Haskil, die ab ihrer Pub...

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