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David Mitchell : Der Wolkenatlas

David Mit­chell ver­webt in seinem Roman fünf ver­schie­dene, sti­lis­tisch und sprach­lich von ein­ander ge­trennte Er­zähl­stränge zu einem sechsten, der die Es­senz der ein­zelnen Er­zäh­lungen zu einer dras­ti­schen und um­fas­senden Kon­se­quenz führt. Im 19. Jahr­hun­dert schließt sich ein ame­ri­ka­ni­scher Arzt einer Ex­pe­di­tion in die Südsee an und er­lebt hautnah den Ras­sismus und die Aus­beu­tung durch die bri­ti­schen Ko­lo­ni­al­herren. Ohn­macht und Fas­sungs­lo­sig­keit lassen ihn Trost in einer Freund­schaft zu einem bri­ti­schen Arzt su­chen und scheinbar auch finden. Erst sehr spät, bei­nahe zu spät, muß der An­walt er­kennen, daß sein Freund alles an­dere als ein Wohl­täter ist. Im zweiten Hand­lungs­strang lesen wir die Briefe eines jungen Kom­po­nisten. Er ist so hoch ver­schuldet, daß ihm wenig an­deres bleibt, als außer Landes zu fliehen, um seinen Gläu­bi­gern zu ent­gehen. In Bel­gien findet er 1931 Un­ter­schlupf bei einem Kom­po­nisten, dessen Ge­nia­lität er lange be­wun­dert hatte. Bald ist er dessen Ad­latus und findet au­ßerdem Ge­le­gen­heit, ei­gene Kom­po­si­tionen zu schreiben. Al­ler­dings ist der Idylle keine lange Dauer be­schieden, denn er findet recht bald heraus, daß der be­wun­derte Meister ihn hem­munglos pla­gi­iert und seine Ehe­frau be­nutzt, um den jungen Flücht­ling mit­tels se­xu­eller Ab­hän­gig­keit weiter an sich zu binden. In einer dritten Ge­schichte er­zählt Mit­chell von einem Ver­leger, den sein Bruder in ein Al­ten­heim ein­weisen läßt, ob­wohl der gar keiner Pflege be­darf. Schlimmer noch : Das Heim erin­nert we­niger an eine Pfle­ge­ein­rich­tung als an eine ge­schlos­sene Psych­ia­trie, in der die Be­we­gungs­frei­heit massiv ein­ge­schränkt wird und men­schenun­wür­dige Pfle­ge­me­thoden prak­ti­ziert werden. Ein Ent­kommen scheint un­mög­lich. Den­noch tut sich der Ver­leger mit Mit­pa­ti­enten zu­sammen und be­gibt sich auf eine recht aben­teu­er­liche Flucht. Im Stil eines Kri­mi­nal­ro­mans werden die Leser in der vierten Ge­schichte mit dem Schicksal einer jungen Jour­na­listin kon­fron­tiert. Durch Zu­fall stößt sie auf Hin­weise, daß es in der Ato­m­in­dus­trie seit langem be­kannte, doch ver­schwie­gene mas­sive Si­cher­heits­pro­bleme gibt. Mit jour­na­lis­ti­schem Eifer be­gibt sie sich auf die Jagd nach wei­teren In­for­ma­tionen und Quellen, muß aber bald fest­stellen, daß sie selbst zur Ge­jagten ge­worden ist. Eine fünfte, in der Zu­kunft an­ge­sie­delte Ge­schichte er­gänzt das so un­ter­schied­liche Quar­tett : hier be­gegnet der Leser einer in der Re­torte ge­züch­teten Mit­ar­bei­terin der Sys­tem­ga­stro­nomie, die in diesem zu­künf­tigen Jahr­hun­dert bis zur Per­fek­tion ent­wi­ckelt worden ist. Ob­wohl dieser weib­liche Klon ei­gens für ihre Ar­beit ge­züchtet wurde und ei­gent­lich keine ei­genen wei­ter­ge­henden Im­pulse ent­wi­ckeln dürfte, wird sie un­ver­se­hens zur Re­bellin und zur Hoff­nung für viele, die aktiv die herr­schenden Zu­stände be­kämpfen. Je­doch bleibt ihr nicht die Er­kenntnis er­spart, daß sie von den Macht­ha­bern in­stru­men­ta­li­siert worden ist. In einer noch fer­neren Zu­kunft ent­wirft die sechste Ge­schichte, auf die alle an­deren letzt­end­lich hin­aus­laufen, ein noch düs­te­reres Bild : Die west­liche Zi­vi­li­sa­tion ist un­ter­ge­gangen. Die we­nigen Über­le­benden treffen auf Hawai auf zwei Stämme der ha­waia­ni­schen Urein­wohner....

Ei­gent­lich hatte ich das Buch Ende 2005 ge­lesen, zu einer Zeit, in der ich mein ur­sprüng­li­ches Blog ge­schlossen, ein neues noch nicht be­gonnen hatte. Somit hatte ich nur in einem Forum meine Ein­drücke grob ge­schil­dert, die ich nun hier - über­ar­beitet, den­noch lücken­haft - wie­der­geben will, da diese Buch für mich zu den li­te­ra­ri­schen High­lights der letzten Jahre zählt und zudem enge Be­züge zur jet­zigen Lek­türe und zu wei­teren ge­planten Le­se­stoffen auf­weist.
Mit­chell un­ter­nimmt in seinem Roman nichts wei­teres, als eine Art fik­tiver Mensch­heits­ge­schichte, Li­te­ratur - und Ide­en­ge­schichte zu ent­werfen, deren Pes­si­mismus not­wendig im Welt­un­ter­gang mündet. Er be­dient sich ver­schie­dener li­te­ra­ri­scher Muster, etwa der Ex­pe­di­ti­ons­be­richten - und Ta­ge­bü­cher der Ko­lo­ni­al­zeit, der Brief - und Künst­ler­ro­mane, der Genres Science Fic­tion und Kri­mi­nal­roman, ad­ap­tiert sie mit ei­genem Können und Stil zu einem nur auf den ersten Blick dis­parat er­schei­nenden Ganzen. Er be­herrscht die Kla­viatur des Er­zäh­lens und ge­staltet die Form des Ro­mans voll­kommen neu. Eines der her­aus­ste­chendsten Merk­male ist der for­male Aufbau des Bu­ches : in zeit­li­cher Rei­hen­folge reihen sich die je­wei­ligen, bis zur Hälfte er­zählten fünf Ge­schichten an­ein­ander, bis sie in den Mit­tel­teil münden, der aus­führ­lich und ein­drucks­voll den Un­ter­gang der be­kannten Zi­vi­li­sa­tion (und mehr) schil­dert, um dann in um­ge­kehrter Rei­hen­folge zuende er­zählt zu werden. Diese Ge­stal­tung macht es dem Leser zu­nächst schwer und ver­mit­telt den Ein­druck des Dis­pa­raten, sogar Un­fer­tigen, doch bleibt nach der letzten Seite der Ein­druck eines ho­mo­genen und ge­wal­tigen Ganzen, dessen Er­ar­bei­tung ge­lohnt hat. Zu ver­danken ist das dem er­zäh­le­ri­schen Ta­lent des Au­tors, der durchaus weiß, wie und wann er Span­nungs­bögen zu ver­wenden hat, um den Leser bei der Stange zu halten und ihn zu seinen Schluß­fol­ge­rungen zu ge­leiten. Dazu ge­hört, daß der Autor Di­stanz zu seinen Fi­guren be­hält, sich haupt­säch­lich hinter den ver­wen­deten li­te­ra­ri­schen Formen ver­birgt. Im wei­testen Sinne kann man diesen Roman der Post­mo­derne zu­rechnen, es als Spiel mit Formen, Zi­taten und In­halten be­greifen, al­ler­dings ist aus dem ur­sprüng­lich eher un­be­las­teten Spiel in­zwi­schen ernst(e) Li­te­ratur ge­worden, die ich mehr als nur fas­zi­nie­rend, son­dern eher als eine Be­frie­di­gung emp­fand und der ich viele gleich emp­fin­dende Leser wün­sche.{jcom­ments on}

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  • Der hat im Herbst 2008 als Debütant in Deutschland...
  • Danke für den Tipp, Tiniaden. Nie von diesem Autor...
  • Joachim Kaiser nannte die Haskil, die ab ihrer Pub...

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