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Wirtschaft ist witzig! - Mit dem Wirtschaftskabarettisten Hans Gerzlich im Gespräch

Hand aufs Herz! Ihr ak­tu­elles Pro­gramm „Geld für alle!“ ist doch eine Mo­gel­pa­ckung …?
Natürlich gibt es am Ende des Abends nur für einen Geld, und das bin ich. Mo­gel­pa­ckung? Nein, spätes­tens, wenn man die Ein­tritts­karte KAUFT, müßte einem etwas schwanen. Nor­ma­ler­weise sagt man "Über Geld spricht man nicht, man hat es", meine Abende stehen quasi unter dem Motto "Wer über Geld spricht, der kriegt es".

Ich habe keine Ak­tien, warum sollte ich also mich für Wirt­schaft in­ter­es­sieren?
Viele Men­schen glauben, mit Wirt­schaft hätte nichts am Hut, wer nicht an der Börse spe­ku­liert, Wa­ren­ter­min­geschäfte tätigt oder zu­min­dest Büsumer Krabben zum Schälen nach Ma­rokko schifft. Aber es geht nicht nur um Außen­han­dels­bi­lanzen, Wachs­tums­raten und so weiter. Wir treffen tagtäglich zahl­reiche Ent­schei­dungen unter Abwägung von Kosten und Nutzen. "Lade ich Klin­geltöne im In­ternet runter oder rette ich meine Ehe – was bringt mir den größeren Nutzen?" Auch hierbei greifen öko­no­mi­sche Ent­schei­dungs­kri­te­rien.

Wie kommt man auf die Idee, über ein so un­lus­tiges Thema wie „Wirt­schaft“ Ka­ba­rett zu ma­chen?
Wirt­schaft ist alles an­dere als un­lustig! Denken Sie nur an un­seren der­zei­tigen Wirt­schafts­mi­nister Rainer Brüderle - der Typ könnte genau so den Blauen Bock mo­de­rieren. Dieter Zet­sche sieht aus wie As­terix mit Ceran­feld aufm Kopp und Josef Acker­mann haut einen Brüller nach dem nächsten raus. Wirt­schaft ist witzig!
Und als nächstes wollen Sie womöglich noch be­haupten, ein Wirt­schafts­stu­dium sei nicht dröge, son­dern ein wahrer Quell der Freude?
Na ja, es ist in der Tat recht viel Li­te­ra­turbüffelei. Am Ende hat man mehr Bücher über Wirt­schaft im Regal stehen als Ste­phen Hawking über mo­derne Physik, Jogi Löw über mo­dernen Fußball und Wla­dimir Putin über mo­derne Fol­ter­me­thoden.
Es gab Leute, die wegen der Fi­nanz­krise den Banken dermaßen miss­trauen, dass sie ihren Spar­go­schen bei der Bank ab­ge­hoben, um das Geld un­term Kopf­kissen zu de­po­nieren, und ver­zichten damit auf Zinsen. Dabei heißt es doch immer "Geld muss ar­beiten"…
Mo­ment! Haben Sie schon mal Geld ge­sehen, das ar­beitet? Ist Ihnen schon mal mor­gens auf dem Weg zur Ar­beit ein Fünf­ziger auf dem Fahrrad ent­gegen ge­kommen, der auf dem Weg ins Büro war? Ent­gegen der landläufigen Mei­nung lassen die Rei­chen und Super­rei­chen nicht ihr Geld für sich ar­beiten, son­dern uns! Die Zins­zah­lung ist mitt­ler­weile der zweitgrößte Posten im Bun­des­haus­halt. Zum Ver­gleich: Der Ver­tei­di­gungs­haus­halt kommt erst auf Platz drei. Ist aber lo­gisch: Wenn wir an­ge­griffen werden, können wir uns ja gen­auso gut hinter un­serem Schulden­berg ver­schanzen.
Der noch steigen wird, wenn der Staat die Haf­tung für die so­ge­nannten "To­xi­schen Wert­pa­piere" über­nimmt. Wie funk­tio­niert ei­gent­lich eine "Bad Bank"?
Im Prinzip so: Sollte Ihnen mal wegen einer ne­ga­tiven Schufa-Aus­kunft nie­mand mehr Kredit einräumen wollen, legen Sie ein­fach vom Arzt eine Be­schei­ni­gung vor, die Ihnen eine Dis­so­zia­tive Identitätsstörung, also eine ge­spal­tene Persönlich­keit, at­tes­tiert und sagen: "Die Schulden hat Dr. Jekyll, Sie spre­chen aber jetzt mit Mr. Hyde!" Bei den Banken klappt das ja auch.
Lacht man in der Krise besser bzw. lauter?
Vor allem lieber und gerne öfter mal. In­so­fern bin ich natürlich Kri­sen­ge­winnler und freue mich schon auf die nächste - den De­mo­gra­fi­schen Wandel! Er wird un­sere Wirt­schaft weit mehr be­einträch­tigen als die jet­zige Kre­dit­klemme oder grie­chi­sche Staats­de­fi­zite. Eine schlech­tere Quote aus Ge­burten- und Ster­be­rate als Deutsch­land hat in ganz Eu­ropa nur der Va­tikan vor­zu­weisen – zu­min­dest in der of­fi­zi­ellen Sta­tistik.
Also ganz düstere Zu­kunfts­pro­gnosen für Deutsch­land?
Nicht ganz! Die Deut­schen sterben zwar aus, man kann es aber auch po­sitiv sehen. Kein Pro­blem – wenn es die Rich­tigen trifft, oder? Außerdem heißt das nämlich auch, es gibt end­lich mehr freie Parkplätze, im Su­per­markt sind die Schlangen an den Kassen nicht mehr so lang und der Be­rufs­ver­kehr ent­spannt sich merk­lich.
Haben Sie ein Wert­pa­pier­depot, und wenn ja, wie ist Ihre An­la­ge­stra­tegie?
An der Börse gilt es, vor­aus­zuahnen, was der Durch­schnitts­an­leger glaubt, was die an­deren Durch­schnitts­an­leger tun werden. Da nie­mand gerne durch­schnitt­lich ist, hat sich Pfeile werfen auf die Börsen­nach­richten in der Ta­ges­zei­tung auch als durchaus passable Stra­tegie bewährt.
Wollen Sie in den „Rat der Wirt­schafts­weisen“?
Auf jeden Fall – raten tu ich für mein Leben gern! An­sonsten kommen diese Voll­waisen mit Kaf­fee­satz­lesen und Glas­ku­gel­be­fragen aber si­cher­lich wei­terhin gut zu­recht.
Möchten Sie einen Tag lang mit dem Chef der Deut­schen Bank tau­schen?
Aber so­fort! Ich hätte die kom­plette Pa­nini-Fußball­bilder-Samm­lung von 1979 bis 1984, eine gu­ter­hal­tene Ei­chen­schrank­wand sowie den vollständigen Satz Wohl­fahrts­marken "Alpen­blumen" 1975 (post­frisch) zum Tausch an­zu­bieten. Aber was hätte der Acker­mann schon an­zu­bieten? Seinen Ge­ne­ral­schlüssel fürs Kanz­le­rin­nenamt? Dann sehr gern!
Manche Ka­ba­ret­tisten wollen ihrem Pu­blikum auch Wissen ver­mit­teln. Wie sehen Sie das? Ist der Spaß Ve­hikel, um In­halte zu trans­por­tieren?
Spaß ist DAS Ve­hikel, um In­halte zu trans­por­tieren. So läßt sich manch un­be­queme Wahr­heit besser ver­dauen. Ein Bei­spiel: Marie-Eli­sa­beth Schaeffler wollte sich das wei­taus größere DAX-Un­ter­nehmen Con­ti­nental unter den la­ckierten Nagel reißen. Und zwar kom­plett auf Pump. Als Si­cher­heit für die Kre­dite diente das Kau­f­ob­jekt selbst. Wenn Sie also im Media Markt dem­nächst mal wieder schlecht be­dient werden, sagen Sie dem Schnösel im roten Po­lo­hemd ein­fach, dass Sie, wenn er nicht auf der Stelle spurt, ein­fach zur nächsten Bank gehen, da richtig einen De­ckel ma­chen, den Laden kaufen und ihn raus­schmeißen. So hat 's die lis­tige Witwe auch ge­macht. Und ohne Fi­nanz­krise hätte es wohl auch ge­klappt. Also auf in den nächsten Media Markt! Dann paßt auch besser: "Das ist mein Laden!"
Viele Un­ter­nehmen wan­dern ab, weil die Lohn­kosten bei uns zu hoch sind. Ist Deutsch­land einer der Ver­lierer der Glo­ba­li­sie­rung?
Glo­ba­li­sie­rung ist so­zu­sagen welt­weite Ar­beits­tei­lung. Und Ar­beits­tei­lung führt zu höherer Ef­fi­zienz –  prin­zi­piell begrüßens­wert. Wir müssen uns je­doch klar ma­chen, wo un­sere bil­ligen Tex­ti­lien her­kommen und wie sie her­ge­stellt werden, damit sie so billig sind. Während hier die Kinder in ihren Adidas- und Nike-Kla­motten den ganzen Tag vor der Play­sta­tion sitzen und immer fetter werden, und des­halb Kam­pa­gnen wie "Deutsch­land be­wegt sich" vom ZDF ge­startet werden müssen, würden sich die Kinder in Ban­gla­desh oder Pa­ki­stan gerne be­wegen – wenn sie nicht an den Web­stuhl an­ge­kettet wären.
Sie zi­tieren Henry Ford: „Würden die Men­schen ver­stehen, wie unser Geld­system funk­tio­niert, hätten wir eine Re­vo­lu­tion – und zwar schon morgen früh.“ – Wollen Sie mit Ihren Pro­grammen bzw. Ihrem Buch eine Re­vo­lu­tion an­zet­teln?
Was Oskar La­fon­taine als Fi­nanz­mi­nister von oben nicht hin­ge­kriegt hat, werde ich von unten auch nicht schaffen. Aber ein bißchen dazu bei­tragen, daß Otto Nor­mal­steu­er­zahler bewußt wird, wo ei­gent­lich die 40 Mil­li­arden Zins­zah­lungen des Bundes ver­schwinden, ist mir schon durchaus ein An­liegen.
Die Re­gie­rung macht immer neue Schulden, gleich­zeitig in­ter­es­sieren sich immer we­niger Bürger für Po­litik. Sind wir nicht selbst Schuld an un­seren schlechten Po­li­ti­kern?
Eine Um­frage hat er­geben, fast fünfzig Pro­zent der Erstwähler würden Günther Jauch zum Bun­des­kanzler wählen. Wahr­schein­lich vor­aus­ge­setzt, Franz Be­cken­bauer träte nicht an und Horst Schlämmer hätte keine Zeit. Das sind aber wahr­schein­lich die­selben fünfzig Pro­zent, die auch glauben, mit der Erst­stimme wähle man die Re­gie­rung, mit der Zweit­stimme die Op­po­si­tion, und von An­dreas Baader käme zweimal im Jahr der Ka­talog ins Haus. Klar, dass uns un­sere Po­li­tiker schon lange nicht mehr ernst nehmen.

Lesen Sie Kri­tiken über Ihre Pro­gramme? Welche Aus­sage in einer Kritik hat Ihnen am besten ge­fallen?
"Der Mann mit der sexy Kra­watte!" Diese Kritik hatte – natürlich – eine Frau ge­schrieben. Zum In­halt des Pro­gramms kam dann wenig. Ich fühlte mich so schreck­lich re­du­ziert. Seitdem trete ich aus­schließlich bar­halsig auf.
La­chen Sie über Ihre ei­genen Gags?
Nur beim ersten Mal – da­nach kenne ich ja schon die Pointe.
Möchten Sie - wie ein Kol­lege - gern vor einem aus­ver­kauften Sta­dion spielen?
VOR einem aus­ver­kauften Sta­dion auf­treten ist nicht so schwierig – IN einem aus­ver­kauften Sta­dion… das wäre mal was!
Mögen Sie Lach­gummi?
Ach, nennt man die jetzt so?
Was halten Sie von Spaßvögeln?
Jeder kann in seiner Frei­zeit ma­chen, was er will!

Fragen: Ge­sine von Pritt­witz, Pritt­witz & Partner, im Mai 2010

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  • Danke für den Tipp, Tiniaden. Nie von diesem Autor...
  • Joachim Kaiser nannte die Haskil, die ab ihrer Pub...

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