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Wendy Moore : The Knife Man: Blood, Body-snatching and the Birth of Modern Surgery

In ihrer Bio­gra­phie befaßt sich die Wis­sen­schafts­jour­na­listin Wendy Moore mit dem Leben und Wirken des aus Schott­land stam­menden Me­di­zi­ners John Hunter. Der wurde als eines von zehn Ge­schwis­tern einer Bau­ern­fa­milie ge­boren. Vater und acht seiner Ge­schwister starben früh. Im Alter von zwanzig Jahren geht er nach London, um bei Wil­liam, dem zehn Jahre älteren Bruder, eine Aus­bil­dung in der Ana­tomie zu ab­sol­vieren. Wil­liams Vor­stel­lung einer Ana­tomie - Schule sind glei­chermaßen re­vo­lu­tionär wie schwer zu ver­wirk­li­chen : er ga­ran­tiert jedem Schüler genügend Leich­name, um sich in der Kunst der Sek­tion zu üben und den ana­to­mi­schen Aufbau des Men­schen durch An­schauung zu er­fahren. Da in Großbri­tan­nien aber per Ge­setz nur jähr­lich vier, später sechs Leich­name Gehängter legal zur Verfügung stehen, ist er - wie viele zeitgenössi­sche Me­di­ziner - auf die Mit­wir­kung von Lei­chenräubern an­ge­wiesen. John, der schnell sein Ta­lent und hand­werk­li­ches Ge­schick be­wiesen hat, wird bald Wil­liams As­sis­tent und damit auch ver­ant­wort­lich für die Be­schaf­fung der benötigten Körper. Es ent­wi­ckelt sich unter seiner Ägide ein immer um­fas­sen­deres System des Lei­chen­raubes. John Hunter wird zu­neh­mend unent­behr­lich für seinen Bruder Wil­liam. Denn eines un­ter­scheidet die beiden : während Wil­liam nach ge­sell­schaft­li­chem Auf­stieg und so­zialer An­er­ken­nung trachtet, treibt den jüngeren Bruder For­schungs­drang und Lust am Ex­pe­ri­ment. Als As­sis­tent seines Bru­ders ent­wi­ckelt John - im krassen Ge­gen­satz zur in Eng­land ang­wandten, immer noch auf den Grundsätzen der an­tiken Me­dizin ba­sie­renden Heil­kunst - nach und nach wis­sen­schaft­liche Me­thoden. Pe­nible Be­ob­ach­tung und unzählige Präpa­ra­tionen er­lauben ein wei­ter­ge­hendes Verständnis für Ana­tomie und Phy­sio­logie des mensch­li­chen Körpers.

Die Aus­bil­dung im Kran­ken­haus al­ler­dings bleibt für John eher bruchstück­haft, sodaß er prak­ti­sche Er­fah­rung zu­meist in der Armee er­wirbt, als er ab 1760 am Sie­benjährigen Krieg als Feld­chirurg tei­nimmt. Da er die tra­di­tio­nellen Prak­tiken in Frage ge­stellt, ist bei Kol­legen und Vor­ge­setzten nicht wirk­lich gut ge­litten, eine Tat­sache, die ihn sein Leben lang be­gleiten wird. Erst 1768 wird er eine Stelle als - un­be­zahlter - Chirurg an einem Kran­ken­haus er­halten und von seinen Kol­legen ständig an­ge­feindet werden. Zurück in London ar­beitet er zunächst mit einem Zahn­arzt zu­sammen, befaßt sich mit Zahn­trans­plan­ta­tionen und widmet sich ver­mehrt der ver­glei­chenden Ana­tomie. Nun ge­raten auch Tiere in seine wis­sen­schaft­liche Be­trach­tung : Vi­vi­sek­tionen, Ex­pe­ri­mente und Au­top­sien unzähliger Tiere sollen ihm die Prin­zi­pien des Le­bens ver­deut­li­chen und schaffen auf Dauer wis­sen­schaft­liche Er­kennt­nisse, die dem Stand der bri­ti­schen Wis­sen­schaft weit voraus sind und vor allem re­ligiöse Grund­lagen in Zweifel zu ziehen drohen : diese nämlich gehen davon aus, daß die Erde etwa 4000 Jahre zuvor in sieben Tagen er­schaffen wurde, daß es zwar ver­schieden ent­wi­ckelte Tiere ge­geben habe, diese aber von Gott unabänder­lich und voll­kommen ge­schaffen worden seien. Doch Hun­ters Un­ter­su­chungen zu Fehl­bil­dungen und Herm­aphro­diten, ebenso wie ei­nige Kno­chen­funde, legen nahe, daß Tier­arten sich verändern und auch aus­sterben können.

Hunter veröffent­licht seine Schriften meist nur sehr zöger­lich. Sie un­ter­su­chen solch un­ter­schied­liche Themen wie Aufbau und Er­kran­kungen der Zähne, die ge­trennten Kreisläufe von Mutter und Em­bryo im Uterus oder Ge­schlechts­krank­heiten. Für die letzt­ge­nannte Schrift in­fi­ziert er sich selbst mit dem Go­nor­rhoe - Er­reger und - un­wis­sent­lich - mit dem Er­reger der Sy­philis, die bis dahin als eine Fort­ent­wick­lung der Go­nor­rhoe ge­sehen wurde. Zwangsläufig wird Hunter diese These bestätigt finden, ob­wohl sie falsch ist. Tra­gi­scher je­doch sind die Spätfolgen der Sy­philis - Er­kran­kung, die Hunter ab dem fünfund­vier­zigsten Jahr heim­su­chen werden : begüns­tigt durch ein enormes Ar­beits­pensum und nur vier bis fünf Stunden Schlaf in der Nacht wird er bis zu seinem Tod an einer An­gina pec­toris leiden, die Her­zanfälle und körper­liche Ein­schränkungen ver­ur­sa­chen. Unter wis­sen­schaft­li­chen Kol­legen ist Hunter in­zwi­schen hoch an­ge­sehen. Be­freun­dete Ärzte be­auf­tragen ihn immer wieder mit Au­top­sien, und auch der Vor­be­halt der Angehörigen ist spürbar ge­ringer ge­worden. Zudem gilt er als Fach­mann für die Ana­tomie von Tieren. Und er ist ver­lobt : Anne Home, Dich­terin und Tochter aus wohl­ha­bendem Hause, wird ihn hei­raten, so­bald er eine Fa­mile ernähren zu können glaubt.

Sieben Jahre wird es dauern, denn Hunter gibt sein nicht allzu knappes Ein­kommen für den An­kauf von Präpa­raten und sel­tenen Tieren aus. Als er stirbt, wird er eine Samm­lung von twa 15.000 Ex­po­naten be­sitzen, die die Fa­milie nach seinem Ab­leben un­ter­halten sollen. Ob­wohl er Mit­glied der Royal So­ciety ist, mit vielen der Geis­tesgrößen seiner Zeit be­kannt und weit­ge­hend aner­kannt ist, bleiben die Kon­flikte mit Kol­legen nicht aus. Seine Ideen, etwa Stu­denten im Kran­ken­haus di­rekt zu un­ter­richten, stoßen auf Ab­leh­nung. Auch seine neuen Me­thoden können sich unter seinen Kol­legen niocht durch­setzen, wohl aber unter seinen Schülern, die er in den zurück­lie­genden Jahr­zehnten zu hun­derten aus­ge­bildet hatte. Im Alter von fünfund­sechzig Jahren stirbt John Hunter während einer Aus­ein­an­der­set­zung mit seinen Kol­legen und Vor­ge­setzten im Kran­ken­haus. Sein fi­nan­zi­elles Vermächtnis be­steht aus Schulden, sein wis­sen­schaft­li­ches reicht von Ver­su­chen zur Trans­plan­ta­tion über erste Schritte zur künst­li­chen Ernährung, Ver­suche der künst­li­chen Be­fruch­tung, Er­kennt­nisse und For­schungen zur Geo­logie und Paläon­to­logie bis hin zu den ersten Schritten einer Evo­lu­ti­ons­theorie.

"The Knife Man" ist eine um­fas­sende und kennt­nis­reiche Bio­gra­phie über einen Pio­nier der mo­dernen Me­dizin, aber ebenso ein recht an­schau­li­ches Bild des acht­zehnten Jahr­hun­derts in Großbri­tan­nien und Eu­ropa. Die me­di­zi­ni­sche Be­hand­lung, fußend auf an­tiken Schriften, be­schränkte sich weit­ge­hend auf Aderlässe, das Schröpfen, Tre­panationen und Am­pu­ta­tionen. Ärzte mieden zu­meist den körper­li­chen Kon­takt mit ihren Pa­ti­enten und über­liessen es Chir­urgen und Bar­bieren, die Be­hand­lungen durchzuführen. Während in Kon­ti­nental - Eu­ropa die Re­strik­tionen seit der Re­naissance nach und nach ge­mil­dert wurden, mußten bri­ti­sche Ana­tomen il­legal agieren und gegen er­heb­liche ge­sell­schaft­liche Wi­derstände ankämpfen. Doch vor allem schei­terte die Wei­ter­ent­wick­lung am Be­harren der Ärzte und Chir­urgen, die alles Neue schnell ver­warfen.

John Hunter je­doch war der strikten Auf­fas­sung, daß nur An­schauung den rich­tigen Weg zur Be­hand­lung weisen könnte, und daß auch die Aus­bil­dung künf­tiger Me­di­ziner nur durch An­schauung zu gewähr­leisten sei, wie es sich auch heute in Wis­sen­schaft und Lehre durch­ge­setzt hat. Wendy Moore zeichnet das Bild eines ener­gi­schen, manchmal brüsken und auf­brau­senden Mannes, der sein Leben fast aus­schließlich der Ar­beit und seiner Samm­lung von Präpa­raten und aus­ge­stopften Tieren wid­mete. Fol­ge­richtig erfährt man nur wenig über den Pri­vat­mann John Hunter, denn dieser exis­tiert fast gar nicht. Zwar konnte er bei ge­sell­schaft­li­chen Anlässen umgäng­lich und höflich sein, doch entzog er sich, so gut er konnte, zu­meist sol­chen Ver­pflich­tungen, selbst als seine Frau im ge­mein­samen Haus einen re­gelmäßigen Salon hielt. Al­len­falls ein kleiner Kreis ebenso be­geis­terter Wis­sen­schaftler der ver­schie­densten Dis­zi­plinen in­ner­halb der Royal So­ciety konnte mit seiner An­we­sen­heit und regem Aus­tausch rechnen. An­sonsten ver­schwand er schnell wieder in seinem Sek­ti­ons­saal oder wid­mete sich dem Un­ter­richt seiner pri­vaten Schüler.

Wendy Moore macht es einem zunächst nicht leicht, in das Buch zu finden, meint sie doch ge­rade in den ersten Ka­pi­teln, ab und an Ge­scheh­nisse auf einer halb - fik­tio­nalen Ebene be­han­deln zu müssen, die auf­grund eines ge­wissen Pa­thos und einer immer spürbaren Überhöhung schnell abstoßend wirkt. Doch be­sinnt sie sich bald und schil­dert dann mit größerer Sach­lich­keit, immer wieder Quellen anführend, den Le­bens­lauf und das ge­sell­schaft­liche Um­feld, läßt Stu­denten Hun­ters und et­liche Zeit­ge­nossen - von Jo­seph Haydn über Sa­muel Johnson, To­bias Smol­lett, Thomas Gains­bo­rough bis zu David Hume und Ben­jamin Fran­klin das Ta­bleau er­wei­tern.

{jcom­ments on} Moore ist es ge­lungen, ein äußerst le­ben­diges und in­ter­essantes Bild des For­schers und seiner Zeit zu ent­werfen, bei aller spürbaren Wertschätzung die meiste Zeit sach­lich zu schreiben und den Leser auf eine wis­sen­schaft­liche Ent­de­ckungs­reise zu schi­cken, an der er seine Freude haben dürfte. Dazu hätte es des allzu reißeri­schen Un­ter­ti­tels "Blood, Body - Snat­ching and the Birth of Mo­dern Sur­gery" (der mir vor­lie­genden Aus­gabe) wahr­lich nicht be­durft, denn die Anfänge der Na­tur­wis­sen­schaften, erst recht eine Person, die sich in vielen Ge­bieten ver­sucht hat, sind span­nend genug. Zudem ver­zichtet die Au­torin im Text na­hezu voll­kommen auf solche Ef­fekt­ha­scherei, sodaß, wer sich "Splatter" - Szenen er­hoffen mag, in diesem Buch wohl kaum auf seine Kosten kommen wird. Das Buch ist bis­lang nicht ins Deut­sche über­setzt worden, sodaß ich noch kurz etwas zur Sprache sagen möchte : mit gutem bis sehr gutem Schu­leng­lisch und ei­niger Le­seer­fah­rung wird man den 560 Seiten um­fas­senden Text, dazu kommt ein An­mer­kungs - und Bi­blio­gra­phie - Ap­parat von knapp ein­hun­dert Seiten - im Großen und Ganzen gut er­fassen und ver­stehen können. Al­ler­dings ist die Zu­hil­fe­nahme eines Wörter­bu­ches wegen me­di­zi­ni­scher, ana­to­mi­scher und me­di­zin­his­to­ri­scher Be­griff­lich­keiten dann doch zu emp­fehlen, auch wenn man­ches sich aus dem Kon­text er­schließt. Davon ab­ge­sehen läßt sich diese Bio­gra­phie flüssig lesen, was auch dem Stil der Au­torin zu ver­danken ist.

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  • Danke für den Tipp, Tiniaden. Nie von diesem Autor...
  • Joachim Kaiser nannte die Haskil, die ab ihrer Pub...

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