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Gordon Dahlquist : Die Glasbücher der Traumfresser

In der Mitte des neun­zehnten Jahr­hun­derts sind drei Per­sonen un­ver­mit­telt mit uner­war­teten Er­eig­nissen kon­fron­tiert, die sie recht bald in das Zen­trum einer großen, ziem­lich un­durch­sich­tigen Ver­schwörung führen. Ce­leste Temple, eine fünf­und­zwan­zigjährige, aus der Ka­ribik stam­mende Tochter eines Plan­ta­gen­be­sit­zers hatte fernab der Heimat nach einem ge­eig­neten Bräutigam ge­sucht und in Ro­bert, einem Mit­ar­beiter des Außen­mi­nis­te­riums, auch ge­funden. Der je­doch be­endet die Ver­lo­bung ohne Begründung, und Ce­leste be­schließt, dessen Mo­tive zu er­for­schen und Ro­bert zu be­schatten. Der Auf­tragsmörder Kar­dinal Chang hat ein ganz an­deres Pro­blem : er wurde ge­dungen, einen Re­gi­ments­kom­man­deur im Auf­trag von dessen Ri­valen um den Posten zu er­morden. Zwar ist Oberst Trap­ping bald darauf tot, doch hat je­mand an­deres Changs Auf­trag ausgeführt. Auch Abe­lard Svenson, Ho­f­arzt des meck­len­bur­gi­schen Kron­prinzen, steckt in Schwie­rig­keiten : der Kron­prinz, be­kannt für seine psy­chi­sche In­sta­bilität und ein Faible für Frauen, ist ver­schwunden. Alles deutet auf eine Entführung. Und Svenson kann auch im Stab des Kron­prinzen nie­mandem trauen. Bald darauf finden sich die drei auf einem nahe der Küste ge­le­genen Land­sitz wieder, der von einem Gefängnis in­zwi­schen zu einer Art Fes­tung aus­ge­baut worden war. Hier findet an­schei­nend eine Art Mas­ken­ball statt. Anlaß ist die Ver­lo­bung der Tochter des Gast­ge­bers, eines rei­chen Geschäfts­mannes, mit dem Kron­prinzen von Meck­len­burg. Ce­leste wird Zeugin un­heim­li­cher Vorgänge, in denen in­digo­far­benes Glas und un­heim­liche Ap­pa­ra­turen eine Haup­trolle zu spielen scheinen. Als man sie ent­deckt, setzen die ei­gent­li­chen Or­ga­ni­sa­toren des Festes alles daran, ihrer hab­haft zu werden. Chang und Svenson ge­raten eben­falls in das Vi­sier der Ver­schwörer, ohne je­doch zu wissen, was ei­gent­lich vor­geht. Zwar glückt auch die Be­freiung des Kron­prinzen, doch ist der bald darauf ein zweites Mal entführt. Als Ce­leste, Chang und Svenson auf­ein­an­der­treffen, schmieden sie ein Bündnis und tau­schen ihre Er­kennt­nisse aus, immer in der Ge­fahr, von den Ver­schwörern ge­fasst zu werden.

Kleine Platten aus Glas, die le­ben­dige Bilder ge­spei­chert halten und den Be­trachter in ihren Bann zu ziehen scheinen, sind eine erste kon­krete Spur. Als Ce­leste einem emo­tio­nalen Im­puls nach­gibt und ver­schwindet, trennen sich die Wege der drei Prot­ago­nisten wieder. Ein­zeln treffen sie auf die Köpfe der Ver­schwörung, die Com­tessa Laquer - Sforza, Francis Xonck und den Comte d'Or­kancz, ver­su­chen deren Mit­ver­schwörern und Schergen zu ent­kommen. Denn der Ver­schwörer­kreis ist um ei­niges größer und il­lus­trer : Ein Ver­wandter der Königin und Mit­glied des Kron­rates, der Vize - Außen­mi­nister und dessen Mit­ar­beiter Ro­bert, Ce­lestes Ver­lobter, ein hoher Geist­li­cher und selbst der Kron­prinz von Meck­len­burg scheinen da­zu­zugehören.

Die Ent­de­ckung von in­digo­far­benen Glasbüchern, in denen unzählige Erin­ne­rungen und Phan­ta­sie­vor­stel­lungen ge­spei­chert zu sein scheinen, ma­chen die Un­ter­neh­mungen der Haupt­fi­guren nicht ungefähr­li­cher, zumal sie kaum je­mandem wirk­lich trauen können, scheinen doch fast alle unter dem Einfluß der Glasbücher und der Ver­schwörer zu stehen. Alle drei ge­raten schließlich unabhängig von ein­ander in die Ge­walt der Ver­bre­cher und haben ei­niges zu tun, um ihre Frei­heit wie­der­zu­er­langen oder gar das nackte Leben zu retten. Und noch immer wissen sie nicht wirk­lich, worum es den Bösen ei­gent­lich geht. Und es scheint äußerst frag­lich, ob deren Treiben wirk­lich ein Ende ge­setzt werden kann, denn mit dem Er­scheinen dreier in­digo­far­benen Frauen mit un­ge­heuren men­talen Fähig­keiten wird deut­lich, daß sie mit einer bei­nahe über­ir­di­schen Macht zu kämpfen haben... .

Be­reits zu Be­ginn des neun­zehnten Jahr­hun­derts eta­blierte sich - mit der weiten Ver­brei­tung des Me­diums Zei­tung - die Form des Fort­set­zungs­ro­mans, zunächst für die an­spruchs­vol­lere Li­te­ratur, sodaß Au­toren wie Charles Di­ckens oder Wilkie Col­lins damit ihren Le­bens­un­ter­halt ver­dienten. In der Mitte des Jahr­hun­derts aber ero­berten tri­via­lere Her­vor­brin­gungen diesen Markt : "Dime No­vels", so­ge­nannte Gro­schen­ro­mane, die einzig auf Un­ter­hal­tung und Span­nung aus­ge­legt waren und auf so­ziale oder psy­cho­lo­gi­sche Hin­tergründe wei­test­ge­hend ver­zich­teten. Gordon, W. Dahl­quist, ein us - ame­ri­ka­ni­scher Dra­ma­tiker hat sich genau diese als Vor­bild für seinen Roman "Die Glasbücher der Traum­fresser" ge­nommen. Zwei Kon­se­quenzen des por­ti­ons­weisen Er­schei­nens - durchaus auch für an­ge­se­hene Au­toren wie Charles Di­ckens - waren, daß der Um­fang von Ro­manen letzt­lich auch die daraus zu ge­win­nenden Ein­nahmen be­stimmte, und daß jeder Autor sorgfältig auf die Span­nungsbögen in­ner­halb und am Ende eines Ka­pi­tels zu achten hatte, um die bis­he­rigen Käufer zum Er­werb der wei­teren Folgen zu mo­ti­vieren. Beides gilt - zu­min­dest in der Theorie - auch für Dahl­quists Roman, der zwar in Ein­zelbänden, aber in einem Schuber ge­sam­melt, veröffent­licht wurde. Nur einmal zuvor in den letzten Jahren wurde ein ähn­li­ches Ex­pe­ri­ment, da­mals aber mit einer wirk­li­chen Veröffent­li­chung in ein­zelnen Ka­pi­teln, ge­wagt : Ste­phen Kings "The Green Mile" er­schien auch in Deutsch­land zunächst in sechs nach­ein­ander er­schei­nenden Ta­schenbüchern, bevor eine einbändige Ge­sam­te­di­tion an­ge­boten wurde.

Dahl­quist bleibt - so­wohl im Um­fang als auch bei den Kon­struk­ti­ons­prin­zi­pien seinem gewählten Vor­bild ver­haftet : knapp neun­hun­dert Seiten füllt er mit einer tem­po­rei­chen, sich manchmal bei­nahe über­schla­genden Hand­lung, die nur we­nige Ruhein­seln bietet. Und selbst Zug­fahrten, Treffen oder Gespräche finden zu­meist in einer At­mosphäre der un­mit­tel­baren Be­dro­hung statt. Den­noch steht der Erzählton dazu nicht selten in einem völligen Ge­gen­satz : Dahl­quist schil­dert Um­ge­bungen, Räum­lich­keiten mit einer dem ad­ap­tierten Jahr­hun­dert ent­spre­chenden Ge­nau­ig­keit und Weit­schwei­fig­keit. Dies mag daran liegen, daß Gordon W. Dahl­quist, wie er in einem In­ter­view be­kannte, die Ört­lich­keiten den Not­wen­dig­keiten der je­wei­ligen Hand­lung an­ge­passt hat. Die Um­ge­bung selbst bleibt re­lativ un­de­fi­niert, ist aber einem vik­to­ria­ni­schen Eng­land und dessen Haupt­stadt London wei­test­ge­hend angenähert, wenn auch ab und an französi­sche Namen für Bahn­sta­tionen ir­ri­tieren. Auch das aus­schließlich in Gesprächen und Schil­de­rungen auf­tau­chende Meck­len­burg hat wenig mit der (his­to­ri­schen und geo­gra­phi­schen) Realität zu tun. Denn von meck­len­bur­gi­schen Bergen zu spre­chen, wäre an­sonsten in diesem fla­chen, küsten­nahen Ge­biet eher tollkühn.

Nicht we­niger auf­fal­lend ist immer wieder der Ton der Gespräche selbst zwi­schen den Geg­nern und unter größter Be­dro­hung : zu­meist ge­stalten sich diese in vollen­deter bri­ti­scher Höflich­keit, ge­lassen, wenig von Af­fekten be­einflußt, als finde man sich ge­rade zur Tee­stunde zu­sammen oder James Bond und sein Wi­der­sa­cher übten sich in non­cha­lanter Souveränität. Das Buch ver­sam­melt ei­nige zeitgemäße, aber auch un­zeitgemäße Einflüsse und Bezüge : von der "Go­thic Novel", etwa Fran­ken­stein, über Jules Vernes tech­ni­sche Uto­pien bis hin zu Szenen aus Ku­bricks Film "Eyes Wide Shut" und einem Hand­lungs­ab­lauf, der einem über­di­men­sio­nierten Ac­tion­film ge­recht würde, hat Dahl­quist aus einem unend­li­chen Re­ser­voir der Populärkultur geschöpft und alles recht vergnüglich mi­tein­ander ver­mengt.

Der Roman bleibt, ge­treu seinen Vor­bil­dern, wei­test­ge­hend auf einer reich­lich oberfläch­li­chen Un­ter­hal­tungs­ebene, wenn­gleich er mit einer ziem­lich la­by­rin­thi­schen Lösungs­fin­dung das Seine dazu tat, den Leser nicht voll­kommen wi­der­standslos durch das Buch gleiten zu lassen. Al­ler­dings ver­zichtet er auf die psy­cho­lo­gi­sche Aus­ge­stal­tung seiner Fi­guren und beläßt es bei leichten An­spie­lungen und dem nicht nur Un­ter­hal­tungs­zwe­cken die­nenden immer wie­der­keh­renden, nur wenig un­ter­schwel­ligen Motiv der Se­xualität, mit der er - nicht voll­kommen un­ab­sicht­lich - seine drei Prot­ago­nisten kon­fron­tiert. Aus­ge­ar­beitet wird dies aber eben­so­wenig, wie Dahl­quists Be­hand­lung des Themas in Por­no­gra­phie aus­artet. De­noch galt früher wie auch heute : Erotik und Ge­walt ver­kaufen sich immer.

Ce­leste Temple, jungfäulich, selbst­bewußt und im­pulsiv ist das ei­gent­liche Zen­trum des Bu­ches wie auch der Drei­er­kon­stel­la­tion der Prot­ago­nisten, ohne aber daß der Autor versäumt hätte, die an­deren beiden ebenso eindrück­lich, teil­weise un­ver­ge­ss­lich zu ge­stalten. Ihnen gegenüber steht ein nicht minder ein­frucks­volles Trio von Schurken, das sich aber in der Flut der Helfer und Anhänger etwas stärker zu be­haupten hat. Für mich ist das Buch ein ziem­lich ge­lun­gener, span­nender Un­ter­hal­tungs - und Aben­teu­er­roman, der aber über die ganze Länge von fast 900 Seiten zu ermüden be­ginnt. Es ist meiner Mei­nung nach we­niger die man­gelnde Fähig­keit des Au­tors, seinen Hand­lungs­ab­lauf zu ge­stalten, als viel­mehr die bei­nahe spürbare End­lo­sig­keit des Ro­mans, so als müsse man sich auf einem Lang­stre­cken­lauf dem Ziel mit unerträgli­chem Sei­ten­ste­chen nähern. Eine Kürzung und Raf­fung hätte diesem Buch ver­mut­lich gut­getan, ob­wohl es Hin­weise darauf gibt, daß "Die Glasbücher der Traum­fresser" vor Er­scheinen noch länger ge­wesen sind (und daß et­liche us - ame­ri­ka­ni­sche Ver­lage eine Veröffent­li­chung u.a. wegen dessen Länge nicht in Be­tracht ge­zogen hatten).

Ich hatte ei­gent­lich ge­plant, di­rekt im An­schluß den bis­lang nur in eng­li­scher Sprache er­schie­nenen Fol­ge­band "Das Dun­kel­buch", zu lesen, habe aber wegen meiner Ermüdung und Übersätti­gung zunächst darauf ver­zichtet.

 

Kommentare

  • Der hat im Herbst 2008 als Debütant in Deutschland...
  • Danke für den Tipp, Tiniaden. Nie von diesem Autor...
  • Joachim Kaiser nannte die Haskil, die ab ihrer Pub...

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