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Karen Duve : Die entführte Prinzessin

Das hoch im Norden ge­le­gene König­reich Snöggl­in­du­r­al­t­horma hat viele Pro­bleme : während Armut und lange und de­pri­mie­rende Winter unabänder­lich scheinen, hat man we­nigs­tens die Schwie­rig­keiten mit der Na­mens­ge­bung be­heben können und Snöggl­in­du­r­al­t­horma ein­fach in "Nord­land" um­be­nannt. Gegen die Armut wüßte man eben­falls ein Mittel : Prin­zessin Lis­vana müßte einen begüterten Prinzen hei­raten, der auf eine hohe Mit­gift nicht allzu viel Wert legen dürfte. Doch bis­lang mochte sich kein Prinz in dieses ab­ge­le­gene Stück Erde ver­irren, zumal die Reise dorthin ent­weder - über das of­fene Meer - gefähr­lich ist, weil sich dort Heer­scharen un­glaub­li­cher Mee­res­ungetüme tum­meln, oder - auf dem Landweg - recht un­kom­for­tabel, weil das be­nach­barte Ne­bel­reich von den Ausdüns­tungen brüns­tiger Dra­chen ver­pestet ist. Eine Ge­sell­schaft­ga­zette mit einer Liste un­ver­hei­ra­teter Prin­zes­sinnen, de­tail­genau in den An­gaben über Aus­sehen und die Höhe der Mit­gift, läßt im fernen Bas­ka­rien den von seinen El­tern in per­ma­nente Op­po­si­tion ge­trie­benen Prinzen Diego auf­hor­chen. Ihm gefällt der Ge­danke, eine bei­nahe mit­tel­lose Prin­zessin zu freien, sei es al­lein, um seine El­tern zu ärgern. Und so zieht er gen Nord­land, schwarz ge­kleidet, Ve­ge­ta­rier und in allen höfi­schen Fähig­keiten gut aus­ge­bildet. Zwar er­lebt er im eher roh möblierten nordländi­schen Schloß einen nicht ge­ringen Kul­tur­schock, doch ver­liebt er sich von einem Au­gen­blick auf den an­deren in die Tochter des Königs, mißtrauisch beäugt vom Ritter Bredur, der sei­ner­seits ein Auge auf sie ge­worfen hatte und die Ge­le­gen­heit eines ge­mein­schaft­li­chen Tanzes nutzt, dem Prinzen ein Bein zu stellen. Nicht uner­wartet be­ginnt eine Schlägerei, die jede Hei­rats­ab­sicht Diegos zu­nichte macht. So bleibt dem bas­ka­ri­schen Prinzen nur ein Mittel, doch noch Lis­vana als Braut zu ge­winnen : eine Entführung. Er ver­schleppt Lis­vana, den Hof­zwerg Pedsi und die von diesem ge­liebte Hof­dame Ro­sa­monde nach Bas­ka­rien. Während das Nord­land zum Krieg rüstet, eilt Ritter Bredur den Entführern hin­terher, durch­quert das Ne­bel­land und trifft auf einen Zau­berer und dessen Dra­chen "Grendel", der eher einem tap­sigen, nähebedürf­tigen Haus­tier als einer Kampf­ma­schine gleicht, als die ihn dessen Be­sitzer gern sähe. Al­len­falls die emo­tio­nale Nähe zu einer Prin­zessin könnte den Dra­chen auf Dauer stählen. Doch einst­weilen muß Bredur her­halten. Der­weil hat Prinz Diego al­ler­dings of­fen­sicht­lich kaum Chancen, seine entführte Braut vor den Altar zu führen, auch wenn er - nicht zu Un­recht - ahnt, daß diese ihn eben­falls liebt. Nichts fruchtet, weder zu­vor­kom­mende Be­hand­lung, noch ein­dring­liche Lie­bes­geständ­nisse oder gar der Druck Diegos Mutter, die sie nie­derste Ar­beiten ver­richten läßt.

Diego wird auf eine Schiffs­reise ge­schickt, die eine sel­tene Pflanze für die Hoch­zeits­feier finden und nach Bas­ka­rien bringen soll. Unter fal­schem Namen be­gibt er sich an Bord und trifft dort aus­ge­rechnet auf Bredur, der be­trunken auf das Schiff ver­schleppt wurde und dort nun, eben­falls unter fal­schem Namen, Dienst tut. Beide freunden sich an und klagen ihr ge­gen­sei­tiges Lie­bes­leid. Nichts­ah­nend ver­spricht ihm Diego, Bredur dabei zu helfen, seine Ge­liebte zu ge­winnen. Erst spät er­kennt Bredur seinen Ri­valen, doch zunächst stellt sie die Insel, auf der die sa­gen­um­wo­benen Go­ron­zien wachsen soll, vor un­ge­ahnte und le­bensgefähr­liche Her­aus­for­de­rungen....

Das grobe Gerüst des Ro­mans bildet der dritte Teil der "Ku­drun - Saga", einem mit­tel­al­ter­li­chen Ver­s­epos von mehr als 14.000 Versen, das etwa in der Mitte des drei­zehnten Jahr­hun­derts ent­stand und als eine Art Ge­gen­ent­wurf zum Ni­be­lun­gen­lied ge­sehen wird. Hebt das Ni­be­lun­gen­lied vor allem auf den Verrat als Grund­motiv ab, be­han­delt das Ku­drun - (oder : Gu­drun -) Lied vor allem den Aspekt der Liebe und deren Folgen. Al­ler­dings ist diese Dich­tung für Karen Duve kei­nes­wegs eine starre Vor­lage, der sie skla­visch zu folgen sich ver­pflichtet sähe, viel­mehr greift sie deut­lich ein, um ihren ei­genen Zielen ge­recht zu werden, blendet den Krieg zwi­schen beiden Rei­chen na­hezu kom­plett aus und ändert auch den Aus­gang der Ge­schichte nach ei­genen Vor­stel­lungen. Mehr noch : in diesen phan­tas­ti­schen Rit­ter­roman, um die Be­zeich­nung "Fan­tasy", die durchaus zu­tref­fend wäre, aber gleich­zeitig fal­sche Er­war­tungen we­cken könnte, weit­ge­hend zu meiden, mi­schen sich ver­schie­denste Mo­tive - aus dem deut­schen Volksmärchen ebenso wie aus der grie­chi­schen My­tho­logie, aus den "Erzählungen aus tau­send­und­einer Nacht" oder der Sage um Be­o­wulf.

Eine kaum über­seh­bare Ände­rung findet sich auf der sprach­li­chen Ebene : vor allem die Dia­loge ver­an­kern die han­delnden Per­sonen mit einer ge­genwärtig an­mu­tenden Um­gangs­sprache in der heu­tigen Zeit und ver­fremden Mo­tive und Erzählung nicht selten, al­ler­dings auch nicht kon­se­quent bis zum Ende, iro­nisch. So ist "Die entführte Prin­zessin" so­wohl Aben­teu­er­roman, Spiel­feld für über­bor­dende Phan­tasie und au­gen­zwin­kernde Ju­xerei, als auch eine höchst ge­gen­warts­be­zo­gene Aus­lo­tung des Themas Liebe und Be­zie­hung, in der man­ches an heu­tige Phäno­mene ebenso wie an ihren Roman "Dies ist kein Lie­bes­lied" ge­mahnt. Rol­len­zu­wei­sungen und Hal­tungen zur Liebe sind wie­der­er­kennbar die des zwan­zigsten bzw. ein­und­zwan­zigsten Jahr­hun­derts und werden mit leichter Hand, na­hezu un­be­schwert zur Dis­kus­sion ge­stellt, ohne daß sich der tief­grei­fende Pes­si­mismus ihrer an­deren Werke, zu­min­dest des vor­ge­nannten Ro­mans, allzu deut­lich ma­ni­fes­tieren kann. Den­noch er­leben fast alle wich­tigen Fi­guren eine zu­min­dest zeit­weise Ernüch­te­rung, etwa wenn Lis­vana fest­stellen muß, daß Diego ein Eh­ren­wort höher schätzt als die Möglich­keit zur ge­mein­samen Flucht, oder wenn Bredur mit einem ihm ge­schenkten Zau­berglöck­chen zwar wünschen darf, das Er­gebnis al­ler­dings meist eine recht ei­gen­wil­lige In­ter­pre­ta­tion seiner Wünsche dar­stellt.

Natürlich er­geht es dem Leser zu­weilen nicht an­ders : be­ab­sich­tigt, wenn er er­kennen muß, daß der Zau­berer kaum zau­bern kann, daß sein Lehr­buch für die Abrich­tung von Dra­chen al­len­falls theo­re­ti­sches Ge­fasel ist, das der Wirk­lich­keit kaum stand­zu­halten vermag, un­be­ab­sich­tigt, wenn - leider - die iro­ni­schen Mo­mente in den Dia­logen ab der zweiten Hälfte des Ro­mans fast ver­schwunden sind und al­len­falls aus ver­schie­denen Si­tua­tionen Komik ent­stehen mag, der Roman sich also mehr in Rich­tung pi­ka­resken Aben­teu­er­roman ent­wi­ckelt. Dies geht aber so allmählich von­statten, daß es der Leser an­ge­sichts einer fast naht­losen und klugen Kon­struk­tion nicht wirk­lich als störend emp­findet und al­len­falls im Nach­hinein auf­seufzen mag wegen der ver­ge­benen Möglich­keiten.

Denn ihm wird letzt­lich der Spaß an diesem Buch nicht wirk­lich ge­nommen, und er wird in­ter­es­siert sein, das Ende der Avien­turen zu er­fahren und mit­zu­er­leben. Bei alldem ist "Die entführte Prin­zessin" keine Li­te­ratur, die in den Zwängen und engen Grenzen einer Gen­re­li­te­ratur ge­fangen bleibt. Das Er­kunden der Liebe und an­derer Un­ge­heuer bleibt ernst­haftes und ernst­haft li­te­ra­ri­sches An­liegen, nur daß Karen Duve sich mögli­cher­weise dem anglo - ame­ri­ka­ni­schen An­spruch genähert hat, An­spruchs­volles, gar Tief­sin­niges in eine un­ter­halt­same Form zu ver­pa­cken und auch bit­tere Pillen mit Zuckerguß schmack­haft zu ma­chen. Ebenso wie an­dere Re­zen­senten denke ich nicht, daß dieser Weg in genau dieser Weise ein wei­teres Mal gangbar wäre, doch daß er diesmal ge­gangen wurde, stimmt mich froh. Denn ich habe einen un­ter­halt­samen, durchaus kurz­wei­ligen Roman ge­lesen, der den­noch nicht auf der oberfläch­li­chen Ebene ver­harrt oder sich al­lein dem li­te­ra­ri­schen Spiel er­gibt.

 

Kommentare

  • Der hat im Herbst 2008 als Debütant in Deutschland...
  • Danke für den Tipp, Tiniaden. Nie von diesem Autor...
  • Joachim Kaiser nannte die Haskil, die ab ihrer Pub...

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