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Geheimnis der Templer gelüftet?

Gast­bei­trag:

Dr. Ste­phan Zeidler über "Der Temp­ler­schatz. Eine Spu­ren­suche"

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Man­cher mag sich denken, nicht noch so ein Buch über den Schatz der Templer. Wieder so ein ‚Irrer‘, der eine wilde Ver­schwörungs­theorie aus­breitet. Doch weit ge­fehlt.

Dem Pu­bli­zisten und Jour­na­listen To­bias Da­niel Wabbel ist es trotz des be­rech­tigten Miss­trauens ge­lungen, eine le­sens­werte Be­schrei­bung seiner „Spu­ren­suche“ vor­zu­legen. Wer al­ler­dings hofft, an­hand dieses Bu­ches den Temp­ler­schatz zu finden, wird leider enttäuscht. Auch Wabbel hat den Schatz nicht in Frank­reich ge­funden, auch wenn er sämt­liche greif­baren Hin­weise aus­ge­wertet und für seine Ar­beit in­ter­pre­tiert hat. Ihm ge­lingt es, seinen Stoff span­nend zu be­schreiben, was er auch durch teil­weise an­ek­do­ten­hafte Erzählungen seiner Re­cher­che­reisen in Frank­reich und Schott­land auf­lo­ckert.

So be­ginnt er, nach einer kurzen Einführung in die Ent­ste­hungs­ge­schichte des Temp­ler­or­dens, mit seinen Über­le­gungen, was der Schatz ei­gent­lich ge­wesen sein könnte. Er in­ter­pre­tiert hierfür zahl­reiche Stellen des Alten Tes­ta­ments und un­ter­sucht die mit­tel­al­ter­li­chen Gral­sepen (S. 76ff) des Chr&ea­cute;tien de Toyes („Per­ceval“) und des Wolfram von Eschen­bach („Par­zival“). Wabbel kommt zu dem Schluss, dass der Temp­ler­schatz die re­li­gi­ons­ge­schicht­lich wich­tigste Re­li­quie, nämlich die Bun­des­lade mit den Ta­feln mit den 10 Ge­boten, ent­halten habe. Diese sei von den Is­rae­liten nach der An­kunft im Hei­ligen Land, aus Angst vor Überfällen, in den Höhlen unter dem Tempel Sa­lo­mons ver­steckt worden. In Laon schließlich glaubt Wabbel die Grals­burg zu er­kennen, die beide Au­toren in ihren Ro­manen be­schreiben.

Dies alles klingt recht plau­sibel, wertet der Autor doch be­reits vor­lie­gende his­to­ri­sche, wenn auch zu­meist populärwis­sen­schaft­liche Dar­stel­lungen und zahl­reiche Bi­bel­stellen aus und setzt ein Mo­saik aus vielen Stein­chen zu­sammen. Nach dem 1. Kreuzzug, der Erobe­rung Je­ru­sa­lems und der ge­heimen Gründung des Temp­ler­or­dens, machten sich dessen Ver­treten im 12. Jahr­hun­dert auf den Weg in die hei­lige Stadt und be­gannen mit der Suche nach der Bun­des­lade unter dem sa­lo­mo­ni­schen Tempel. Jah­re­lang „er­forschten“ sie den Tempel mit seinen Höhlen und Gängen und müssten, so Wabbel, letzt­lich er­folg­reich ge­wesen sein. Sie brachten die Bun­des­lade mit ihrem In­halt nach Frank­reich, wo sie sich seit Jahr­hun­derten be­finden solle.Als „Be­weis“ für seine Theorie führt Wabbel den Bau zahl­rei­cher go­ti­scher Ka­the­dralen in Nord­ost­frank­reich an, die von dem rei­chen Temp­ler­orden mit fi­nan­ziert worden seien. Die Aus­wahl der Orte er­folgte dabei, so seine Theorie, nicht his­to­ri­schen Ge­ge­ben­heiten oder der Größe und dem An­sehen der Städte nach, son­dern al­lein nach einer eher © Gütersloher Verlagshausastro­no­mi­schen Deu­tung. So ergäbe die Lage der Ka­the­dralen die Stern­bilder „Jung­frau“ und „Drache“, die im Temp­ler­orden eine be­son­dere Be­deu­tung besaßen (S. 183ff). Wabbel kommt schließlich zu dem Schluss, dass der Schatz sich im Um­feld der Ka­the­drale von Laon be­finden müssen, das er als „Gamma Dra­conis“, dem „Kopf des Dra­chens“ iden­ti­fi­ziert (S. 222). Den endgültigen Be­weis muss er trotz seiner für ihn über­zeu­genden Dar­le­gungen letzt­lich schuldig bleiben, denn seine Deu­tungen be­ruhen nur auf In­di­zien. So in­ter­pre­tiert er etwa die um­fang­reiche Or­na­mentik an den Ka­the­dralen, die auf die An­we­sen­heit der Templer und schließlich auch des Schatzes hin­deuten sollen.

Dies ist der ei­gent­liche Makel des Bu­ches. Es fehlen für die meisten Theo­rien, die Wabbel auf­stellt, sch­lichtweg die wirk­lich stich­hal­tigen Be­weise. Seine An­nahmen klingen zu­meist plau­sibel, aber wie wahr­schein­lich ist es, dass sie wei­teren wis­sen­schaft­li­chen Un­ter­su­chungen stand halten? So führt er u.a. aus, dass die Templer im Laufe der Jahr­zehnte zum jüdi­schen Glauben über­ge­gangen seien und ihre ka­tho­li­sche Her­kunft ab­legten. Als „Be­weis“ führt er dazu Verhörpro­to­kolle an, die nach der Ver­haf­tung zahl­rei­cher Templer nach der Zer­schla­gung des Or­dens durch den französi­schen König Philipp IV. im Jahr 1307 auf­ge­zeichnet wurden (S. 209f). Doch wel­chen Wert haben Aus­sagen, die unter Folter oder deren An­dro­hung ge­macht wurden? Waren die Be­trof­fenen nicht be­reit, fast alles zu „ge­stehen“, wenn sie damit nur der Tortur ent­gehen konnten? Die Ge­schichte der In­qui­si­tion hat nur allzu gut ge­zeigt, dass solche Aus­sagen in der Regel ohne einen realen Hin­ter­grund waren. Zu Recht gelten solche Fol­ter­geständ­nisse heute als nicht ju­ris­tisch ver­wertbar. Warum also nimmt Wabbel sie dann für bare Münze?

Der Autor hat mit seiner Ar­beit der Temp­ler­for­schung einen wei­teren Bei­trag hin­zugefügt, auch wenn er den letzt­lich stich­hal­tigen Be­weis für die Exis­tenz des Schatzes und vor allem der Bun­des­lade nicht lie­fern kann. Seine Theorie, dass sich die Lade in Laon be­finden müsse, ist si­cher­lich ein guter An­satz­punkt für wei­tere Nach­for­schungen. Es bleibt also ab­zu­warten, ob ir­gend­wann die Mel­dung er­scheint: „Temp­ler­schatz ge­funden – Spu­ren­suche be­endet“. Le­sens­wert ist das Buch al­lemal, weil es den Leser ein wenig einführt in die mit­tel­al­ter­liche Welt der Ritter und Or­dens­leute und manch in­ter­essantes De­tail aus der Frühzeit der französi­schen Gotik be­richtet.

To­bias Da­niel Wabbel: Der Temp­ler­schatz. Eine Spu­ren­suche, Güters­loher Ver­lags­haus 2010

 

Kommentare

  • Der hat im Herbst 2008 als Debütant in Deutschland...
  • Danke für den Tipp, Tiniaden. Nie von diesem Autor...
  • Joachim Kaiser nannte die Haskil, die ab ihrer Pub...

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