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Wer zeigt mir, wie man richtig lebt? Eine Erzählung zu den großen Lebensfragen

Elf Jahre ist Marie alt, als sie erfährt, dass ihr Vater an Krebs er­krankt ist. Sie rea­giert mit einer verblüffenden Frage: „Papa, was ist wenn du nicht mehr da bist? Wer zeigt mir, wie man richtig lebt, wie ich ge­sund bleibe, was ich tun kann, damit ich mich gut fühle, wel­chen Beruf ich lernen soll, an was ich glauben soll?“ Erst scheint es, als wolle der Vater Ma­ries Fragen aus­wei­chen. Tage später je­doch schlägt er seiner Tochter einen Pakt vor. Er über­gibt ihr einen ro­sa­far­benen Schreib­block und for­dert sie dazu auf, ihre Le­bens­fragen darin zu no­tieren. Auf jedes ein­zelne Blatt eine Frage. – „Wo keine Frage ist, ist auch keine Ant­wort zu finden“, so der Vater zu Marie. Die Tochter wie­derum trifft mit Gott eine Ver­ein­ba­rung. Ihr Vater darf erst dann sterben, wenn sämt­liche ihrer Fragen geklärt sind.

© Lokwort VerlagBis zum Tod des Va­ters ent­spinnen sich be­we­gende Dia­loge über phi­lo­so­phi­sche und exis­ten­zi­elle Fragen sowie über die Kunst, richtig zu leben. Die großen Sinn- und Le­bens­fragen geht Marie völlig unbekümmert an. Die Gespräche, die sich über zwei Jahre hin­ziehen, haben weit rei­chende Folgen. Aus dem Vater, einem Wor­ka­holic, wird ein Le­bens-und Sinn-Su­chender. Auch das Verhältnis zwi­schen Vater und Tochter wan­delt sich. Der Kranke spricht nicht mehr zu, son­dern mit Marie. Er ist kein om­ni­po­tenter Vater mehr, zu dem ein Kind hoch­ach­tungs­voll auf­sieht, son­dern ein hilfsbedürf­tiger Mensch, den Ängste plagen. Nicht die Er­wach­senen, die den Realitäten nicht ins Auge schauen wollen, geben ihm Halt, son­dern die Tochter. – „Alle haben noch mehr Angst vor der Wahr­heit als ich!“, so der Krebs­kranke zu Marie.

 

Mi­chael Eglis Erzählung „Marie und das Le­bensrad“ hallt nach. In Erin­ne­rung bleiben das Mädchen Marie Bächler und ihr Vater, den erst eine tiefe Le­bens­krise dazu be­wegt, sich den wich­tigen Le­bens­fragen zu stellen. Bis zur Dia­gnose, an einem bösar­tigen Ge­hirn­tumor er­krankt zu sein, lebte er an der Oberfläche, ge­trieben vom Beruf und Zeit­druck. Die Tochter bekam ihren Vater kaum zu Ge­sicht, die Ehe­frau wandte sich einem neuen Partner zu. Egli hat eine ein­dring­liche Ge­schichte mit phi­lo­so­phi­schem Tief­gang ge­schaffen, die mit verblüf­fender Leich­tig­keit und viel Humor erzählt ist. In­so­fern eignet sich das Buch auch, um mit Kin­dern Gespräche über das Sterben und den Sinn des Le­bens zu führen. Die Prot­ago­nisten über­zeugen. Marie, die an­fangs 11, beim Tod des Va­ters 13 Jahre zählt, be­wahrt sich ihr kind­li­ches Gemüt. Nie wirkt sie alt­klug. Der Vater bleibt ein Su­chender, der um Ge­wiss­heiten ringt. Er bemüht sich zwar, seiner Tochter Türen zu öffnen, zwingt ihr aber keine Ant­worten auf. Mi­chael Egli ist sich be­wusst, dass weder der Tod, noch die Frage, wie man richtig lebt, ab­so­lute Wahr­heiten kennen. – „Marie, auf dem Weg der Le­bens­kunst fällst du immer wieder zurück. Das gehört dazu. Großer Glaube, große Zweifel und große Ent­schlos­sen­heit sind die drei Weg­be­gleiter. Sie be­gegnen jedem Wan­derer auf dem Weg des Le­bens. Grüße sie freund­lich und gehe mit ihnen“, so der Vater gegen Ende der Erzählung.

Mi­chael Egli: Marie und das Le­bensrad. Eine Erzählung zu den großen Le­bens­fragen, Lok­wort 2010

 

Kommentare

  • Der hat im Herbst 2008 als Debütant in Deutschland...
  • Danke für den Tipp, Tiniaden. Nie von diesem Autor...
  • Joachim Kaiser nannte die Haskil, die ab ihrer Pub...

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